Dienstag, 5. Januar 2010

Offener Brief an Frau Dr. Käßmann, Bischöfin der EKD

Von DEUTSCHLAND DEBATTE


Wer sich angesprochen fühlt, der möge bitte den unten stehenden Brief an Frau Dr. Käßmann per e-Mail weiterleiten ( ggf. Änderung des ersten Absatzes ):
Dr. Margot Käßmann
E-Mail: Landesbischoefin@evlka.de

Sehr geehrte Frau Dr. Käßmann,

Lassen Sie mich zunächst sagen, ich bin nicht mehr Mitglied einer kirchlichen Institution. Dennoch erlebe ich die Kirche seit Jahrzehnten als Bestandteil der Gesellschaft – zunächst überaus distanziert, entrückt von der Wirklichkeit des Lebens, zu sehr fixiert auf Theoretisches, das mythologisiert wird und in einen moralischen Rahmen gepresst, der Druck erzeugt. Ich muss Ihnen sagen, ich habe Kirche nicht als eine liebevolle Institution erlebt, sondern als eine hierarchische Ordnung, fast einem Diktat ähnlich.

In diesen Tagen erlebe ich eine neue Kirche, eine neue Kirchenleitung, eine Kirchenleitung, die sich dem Leben, dem Hier und Jetzt verschrieben zu haben scheint. Mit Ihnen, Frau Dr. Käßmann, scheint die Kirchenpolitik die Subordination unter dem Staat zu beenden – und das ist gut so. Zumindest für den Anfang.

Wenn ich lese „Deutschlands oberste Protestantin, Margot Käßmann, hat ihrem Land zu Beginn des Jahrzehnts die Leviten gelesen. Doch Regierung und Opposition kritisieren die Abwendung der EKD-Vorsitzenden vom Afghanistan-Einsatz. Die Bischöfin vertritt die “Position der Linkspartei”, bemängelt ein SPD-Politiker“, dann entsteht ein zwiespältiges Gefühl:
einerseits bin ich überaus befremdet zu lesen, dass vorherige EKD- Vorsitzende, zum Beispiel Wolfgang Huber, dem Afghanistan-Einsatz scheinbar zugestimmt haben,
andererseits beginnt Hoffnung bei mir zu keimen, versalzen Sie doch den Politikern mächtig die Suppe, die medial nicht mehr gut zu schmecken scheint.
Geradezu entzückt lese ich Empfehlungen „Lassen Sie Doch die Politik! Vermitteln Sie lieber den Menschen geistige Werte. Das Neue Testament kann Ihnen dabei sicher weiterhelfen“.

Was zeigen die unterschiedlichen Reaktionen und Nichtreaktionen?
Sie, Frau Dr. Käßmann, treffen den Nerv der Menschen, Sie aufbegehren zu einer Zeit, in der der Staat schon längst mit der dienenden Rolle der Kirche sich abgefunden hat, quasi „erledigt bezüglich staatlicher Willfährigkeit“. Es gibt genug Interessenverbände, die an dem Afghanistan- Krieg verdienen und die sind nicht daran interessiert, dass dieses „Spiel“ ein Ende hat. Es gibt genug Politiker, deren gespaltene Zunge hier sichtbar wird, die aus großpolitischer Sicht sich unterordnen und denen die Interessenlage der Mehrzahl der Bürger völlig gleichgültig ist. Das ist, was Bürger als Demokratie erleben, tagtäglich. Wenn manche von Scheindemokratie Deutschland sprechen und dafür denunziert oder, was vorkommen soll, für geistig unzurechnungsfähig bescheinigt werden, dann ist das unser heutiges reales Deutschland.

Für die, die nicht reagieren, ist mit Ihnen eine Zeit der Irritation eingetreten, weil jeder die Kirche in ihrer Subordination unter dem Staat kennen gelernt hat. Sagen Sie deutlicher bitte, dass Sie die Notwendigkeit erkennen, mehr für die Bürger, die Schwachen zu tun.
Die Schwachen in unserer Gesellschaft seinen besonders schützenswert; ein hässliches, ja, ein zynisches Lippenbekenntnis der Politiker, die ihr Tun mit einem von ihnen ausgewählten Zahlenwald belegen wollen. Die Bürger, das heißt, die Betroffenen, sehen und erleben an ihrer eigenen Haut die Situation völlig anders, wie im Folgenden dargestellt.
Frau Dr. Käßmann, Sie wissen es sehr genau oder können es in Ihrer Organisation herausfinden lassen:
  • Wir haben rund 2 Millionen Kinder, die in Armut leben,
  • Wir haben rund 5 Millionen Rentner, deren Rente nicht ausreicht, Zuverdienst zur Rente wird immer mehr Standard,
  • Wir haben rund 8 bis 10 Millionen wirkliche Arbeitslose – die Differenz zur veröffentlichen Zahl wurde statistisch versteckt,
  • Wir haben eine große Anzahl frustrierter Jugendlicher, die um ihre Zukunft bangen,
  • Wir sind eine Gesellschaft, in der die Gruppen geteilt werden, jeder gegen jeden, weil dieses Verfahren besser steuerbar ist,
  • Wir stehen vor der Herausforderung der drastisch zunehmenden Altersarmut,
  • Wir stehen vor der Herausforderung, dass die Staatsverschuldung von unseren Kindern kaum noch aufzulösen ist,
  • Wir stehen vor dem Konflikt, dass die Bürger zunehmend diese Art Demokratie ablehnen, dass sie sagen, dass Politiker die Probleme nicht in den Griff bekommen werden,
  • Wir stehen vor dem kaum auflösbaren Problem, dass Bürger an der „gelobten“ Sozialen Marktwirtschaft verzweifeln,
  • Auch die Ökonomen können nicht eine Lösung dafür finden, dass durch alljährliche Rationalisierungen Arbeitsplätze wegfallen beziehungsweise in Niedriglohnjobs oder Multijobs umgebaut werden, mit allen Konsequenzen für das Alter,
  • Die Beamten sehen, dass sich die Politiker die Taschen voll machen, ihnen aber sachgerechte Einkommensanpassungen verwehren,
  • Der Mittelstand, die kleinen Geschäfte machen reihenweise dicht: rund 162.000 Insolvenzen oder plus 16 Prozent werden von der Kreditreform für 2009 vermeldet – das sind rund 320.000 Einzelschicksale, zumindest; die Insolvenzschäden sind dramatisch angestiegen auf fast 50 Milliarden Euro, mit allen Folgeschäden für Betroffene, die nicht erfassbar sind,
  • Wir sind in der Gesellschaft einem Konsens einer von der breiten Mehrheit getragenen Ethik verlustig gegangen, wo ist das Fundament, das Lebensgrundlage für unser Sein, für unser Zusammenleben bietet,
und an den Schaltstellen der Macht in Berlin sitzen Manager, genannt Politiker, die in Zahlenkolonnen und nicht in Menschenschicksalen zu denken gewohnt sind. Da werden Transferleistungen verteidigt, die dazu führen, dass eine Mutter mit einfachster Suppe auskommen muss, mehr zum Leben ist nicht da – und die Politik meint, man müsse Arbeitsaufnahmedruck erzeugen.

Frau Dr. Käßmann, wir leben in einer zunehmend zynischeren und lebensbrutaleren Welt und die Bürger wissen es, sie spüren es nicht nur! Wo bleiben die christlichen Werte? Wo bleibt Mitmenschlichkeit, wo bleibt Liebe unter den Menschen? Sie werden dem Profit, den Großunternehmen geopfert – das auszusprechen darf nicht länger denunziert werden!
Die Kirche, und ich schließe die katholische Kirche mit ein, wäre prädestiniert, in dieser Gesellschaft eine Führungsrolle zu übernehmen. Die Bürger sehnen sich danach, sie können diese Kälte nicht länger ertragen. Geheimdienste aus England und Amerika sagen soziale Aufstände voraus. Wollen wir es dazu kommen lassen? Wollen Sie nicht in einer ökumenischen Aktion zumindest Überschneidungen ausloten und gemeinsam für die Vergessenen Deutschlands eintreten?

Es wird einige geben, die sagen, ein solcher Aufruf sei „gaga“. Ich bin davon überzeugt, dass es dringend Not tut in dieser Gesellschaft zu erkennen, dass wir eigentlich schon fünf nach zwölf haben. Bitte loten Sie aus, was geht!

Bitte lassen Sie sich nicht „einfangen“ von diesem Staat, der nur aus Unterordnung besteht. Nehmen Sie bitte Ihr demokratisches Recht in Anspruch und beweisen Sie vielleicht sogar im Verbund mit der katholischen Kirche, dass die Kirche für Menschen da ist, was eigentlich die Politiker vergessen zu haben scheinen.

Ich danke Ihnen, dass Sie die Zeit erübrigt haben, diesen offenen Brief zu lesen.
Mit freundlichen Grüßen

Quelle: http://www.deutschland-debatte.de/2010/01/03/offener-brief-an-frau-dr-kaessmann-bischoefin-der-ekd/

Kommentare:

  1. ich hab da so einen blog ...

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    wer seinen leserbrief ins gästebuch stellt kann mitmachen ...

    bei interesse weitersagen
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