Montag, 26. Juli 2010

Liebes Kind,

von Kinderwarte.de / via wayback machine

Liebes Kind,

ich schreibe gerade einen Abschiedsbrief an Dich. Ich erzähle dir darin, was du alles im Kindergarten erlebt hast, wofür du dich sehr interessiert hast, worüber du gelacht hast, wer deine besten Freunde sind, ob du gern singst oder lieber raufst und dass du gelernt hast, wie Meerschweinchen sich ernähren. Dazu schenken wir dir 100 Fotos, auf denen du dich selber sehen kannst, vollgematscht, oder hochkonzentriert, mit den Armen in der Farbe oder mit großen Augen vor einem Bild, das du betrachtetst, verkleidet als Astronaut, beim Sprung von einem Klettergerüst, bepackt für eine Wanderung im Wald oder unter Wasser in unserem Babypool. Das soll eine Erinnerung für Dich sein an eine unbeschwerte und erfüllte Zeit im Kinderhaus. Wenn du dich später im Leben einmal fragst, ob du schon immer ein Haudegen warst, oder ob du schon immer gern gesungen hast: lies den Brief noch einmal. Es ist ein großer Schatz etwas darüber zu wissen, wie man eigentlich als Kind war, welche Träume man hatte und  wieviel Spaß man mit seinen Kumpels hatte.

Aber mir brennt noch etwas auf der Seele. Etwas, das ich dir nicht schreiben kann in deinen Abschiedsbrief, weil es dich schwer und sorgenvoll machen würde und weil meine Ängste dich beeinträchtigen würden. Aber es muss gesagt werden.

Das ist es, was ich dir eigentlich noch sagen will:


Deine Schonzeit ist jetzt mit  dem Ende der Kindergartenzeit  vorbei. Für viele deine Altersgenossen war die schöne Zeit schon lange vorher vorbei und der Kindergarten war bereits der bittere Ernst. Es geht nämlich nicht darum, dass du deinen eigenen Weg gehst, dass dein Ziel ein erfülltes und glückliches Leben ist, sondern dass du den Anforderungen der Menschen um dich genügst. Du weißt es noch nicht, aber du spürst es schon: du genügst nicht, du genügst nie. Du bist nämlich Humankapital und Kapital muss sich vermehren, das ist sein einziger Daseinszweck. Und einen Mehrwert musst du aus dir selbst heraus erzeugen, darum wird in deine Bildung viel Geld investiert. Es kann nämlich nicht sein, dass ein Hoffnungsträger einer ganzen Familie, Stadt, Gesellschaft ( Zukunft!!)  nutzlos ist, sich nur selbst genügt und seine Ruhe haben will, um vielleicht die Gesellschaft von der Seite zu beobachten, verliebte Bilder zu malen oder sich philosophische Gedanken zu machen..  Das ist nicht produktiv, nicht ökonomisch und nicht marktfähig. Wenn heute ein Kind zum Instrumentalunterricht angemeldet wird, dann mit dem Hintergedanken: es ist zwar teuer, aber später kann er/sie sich damit das Studium finanzieren und außerdem soll es gut sein für bessere Schulleistungen insgesamt. Eine gute Investition also. Diese Art Hintergedanken beherrschen Eltern und Großeltern, sind entscheidend bei allen Plänen, bei allen Bemühungen und bei jedem Entschluss. Und nicht die Liebe zur Musik. Die Notwendigkeit zur Investition ist es, die deine Eltern antreibt.

Als Kinder noch der Garant für ein erträgliches Alter der Eltern waren und als eine Art Rentenversicherung gezeugt wurden, war die Last der Kinder kleiner: sie ruhte auf vielen Schultern. Heute sind es höchstens zwei Kinder, die “zukunftsfähig” gemacht werden müssen. Und es wird gemacht! Du wirst gemacht!

Auch deine Eltern, liebes Kind, sorgen sich in den Schlaf hinein: ob es wohl wirklich der beste Kindergarten ist? Ob es nicht längst Zeit ist, mit dem Tanzunterricht, English oder Tischtennis oder Klavierunterricht anzufangen. Ob man nicht längst mit dir beim Ergotherapeuten/Logopäden oder Lerntherapeuten sein müßte - zur Vorbeugung. Ob man nicht im falschen Stadtteil wohnt, weil so viele Kinder schlecht Deutsch sprechen. Ob man dich nicht noch eher einschulen sollte, damit du kein Jahr “verlierst”? Ob man dich nicht schon testen lassen sollte, damit man vor der Einschulung schon der Lehrerin einen Tip geben kann, wo deine Begabungen liegen. Und mit den Tests, die schon im Kindergarten stattfinden, wird auch dein Marktwert schon bestimmt.

Wie du siehst, mein Kind, gibt s noch immer etwas mehr, was man für dich tun kann, damit du super funktionierst  in dem Job  -jetzt und in der Zukunft, die kein Scheitern nirgendwo beflecken darf. Und ich glaube, dass du das schon gemerkt hast. Du kannst schon jetzt scheitern: in deinem “Job ” als Kind, als Schüler, als Tochter oder Sohn deiner ehrgeizigen und ängstlichen Eltern. Deine “Defizite” werden gefunden!

Viele Eltern haben durchaus eine große Liebe für ihre Kinder. Und weil auch sie spüren, wie traurig das Ganze ist, sehen manche Eltern  in Euch Kindern bedauernswerte Geschöpfe und verwöhnen euch nach allen Regeln der schlechten Kunst. Daraus resultiert dann ein sehr schlechtes Benehmen und heillose Verunsicherung bei Euch Kindern. Dieses schlechte Benehmen ist dann auch noch in den Augen eurer Eltern toll, weil sie glauben, eure Frechheiten wären Ausdruck von Mut  und Durchsetzungsvermögen. Sie sehen eure Verunsicherung und Orientierungslosigkeit nicht und verzweifeln mit Euch, wenn ihr selbst  dem normalen Leben in einer Gemeinschaft nicht nachkommen könnt.

So werdet ihr Kinder auf doppelte Weise betrogen: man versagt euch eine gute Erziehung und erhöht gleichzeitig den Leistungs- und Zukunftsdruck. Das ist eine Falle, aus der kommt ihr nicht heraus.

Hör zu, Kleiner, du bist nicht der Akteur deiner Entwicklung. Das sind alles nur Lippenbekenntnisse, derer, die an dir ziehen und schieben. Und wenn du nicht in die vorgesehene Richtung gezogen werden willst, hast du ein Defizit und wirst aussortiert und zugeordnet. Schwupps bist du in einer Förderggruppe, schon mit drei jahren. Da wird an der Vermittlung von Kompetenzen gearbeitet, auch deiner “sozialen Kompetenzen” und vor allem an deinen “Basiskompetenzen”. Da staunst du, wie schnell der Spaß zu Ende ist. Du wirst dich nicht an dir selbst erfreuen könne, dich stark und mächtig fühlen und das Leben mit Schwung und revolutionäem Geist  erobern. Du brauchst dir später in der Pubertät nicht die Hörner abstoßen: man hat sie früh amputiert.

Und da man als kleines Kind noch nicht benennen kann, wer man ist und wie man ist, wird einem das auch noch ganz schnell beigebracht: falsch, irgendwie falsch. Denn wozu sollen Tests und Screenings und Diagnosen denn sonst da sein: Beweise erbringen dafür, dass du falsch bist. Und dass etwas getan werden muss. Du musst behandelt werden. Gefördert und gefordert, man muss systematisch auf dich einwirken.

Dann nimmt man dir das Wichtigste überhaupt: die Zeit. Es wird nämlich sofort etwas mit dir getan, wenn du just mal laufen kannst: die Blicke der Eltern ziehen  schon an dir, die Blicke der Pädagogen, der anderen Eltern. Das Ergebnis ist immer dasselbe: du kannst dieses oder jenes nicht so schnell wie das andere Kinder oder eine “vergleichbare Kontrollgruppe”. Dann wirst du beschleunigt. Die Zeitfenster schließen sich, sagt man den Eltern und dann wird es höchste Zeit, deine Entwicklung voranzutreiben. Deine Kindheit wird atemlos schnell.

Ein Mädchen im Kindergarten bekommt von den Erzieherinnen “testiert”, das sie in allen Punkten der “Checkliste” volle Punktzahl hat. Aber im sozialen Bereich! Da muss sie aber noch gefördert werden, sagt man den Eltern mit Nachdruck. Es stellt sich heraus: alle Kinder in ihrem Alter sind wilde Jungs  (die sie nicht mag), ältere Kinder sind nicht da. In der Nachbarschaft spielt sie ganze Nachmittage mit den anderenMädchen- egal ob jünger oder älter.
Meine liebes Kind, wir können dir nicht helfen. Wir können dir kleine begrenzte Reservate für Kindheit zur Verfügung stellen, in denen Ruhe und Gelassenheit, Heiterkeit und Johannisbeersträuche sind. Sträucher, an denen rote, weiße  oder schwarze Johannisbeeren wachsen, sind mittlerweile ein Politikum. Eltern, Professoren und Politiker sagen, man ließe das ungeheure Kapital ungenutzt, dass da in den Kindergärten rumgammelt. Die Rede ist von gigantischem Potential und es werden Rechnungen  aufgemacht, nach denen du auf Heller und Cent sehen kannst, wieviel du wert bist jetzt und in der Zukunft. Dein Marktwert ist vollständig berechnet- einschließlich der Kosten, die du verursachen würdest, wenn du mal  arbeitslos oder kriminell werden solltest. Da wird präventiv investiert!

Was kann ich dir also raten? Was soll ich dir mitgeben an guten Worten?  Ich kenne dich seit deiner Geburt und habe dich im Kindergarten viele Jahre spielen  und lachen sehen. Ich habe dich in den Arm genommen und getröstet, wenn du vom Baum gefallen oder deine beste Freundin dich nicht zum Geburtstag einladen wollte. Ich mag dich sehr und ich wünsche dir von Herzen, dass es dir gut geht. Das ist so, wenn man jemanden mag. Man wünscht ihm nur Gutes.

Ich wünsche dir Mut. Mut ist die Kraft, sich über Ängste, die jeder  hat, hinweg zu setzen und das zu tun, was man selbst für richtig hält. Und das zu tun, auch wenn alle anderen Menschen sagen, dass es falsch ist. Ich wünsche dir diesen Mut, weil auch wir Erwachsene, die für dich jetzt verantwortlich sind als Eltern, Erzieherinnen und Lehrer, diesen Mut brauchen, um dem Wahnsinn um das Humankapital etwas entgegen zu setzen.

P.S. Wenn das ureigenste Interesse einer menschlichen Gemeinschaft, nämlich seinem Nachwuchs alles zu vermitteln, was Menschen über Generationen gelernt haben um zu überleben, den rein profitorientierten Interessen von weltweiten Konzernen unterworfen wird, dann wird die Gemeinschaft entmenschlicht.

Quelle:  http://www.kinderwarte.de/?p=140

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