Donnerstag, 25. Februar 2016

Ein Bericht aus Fukushima: FAIREWINDS ENERGY EDUCATION – Ground Zero Podcast

von FAIREWINDS
übersetzt von wunderhaft


17. Februar 2016

Maggie Gundersen:
Hallo, sie hören einen Podcast von Team der Fairewwinds Energie Education. Ich bin Maggie Gundersen, die Präsidentin von Fairewinds. Und willkommen zu unserer Sendung. Heute hören wir von Arnie Gundersen, der sich derzeit in Japan befindet. Er hält Vorträge für Gruppen und Organisationen im ganzen Land. Arnies erstes Ziel auf seiner Reise war die Präfektur Fukushima, seinerzeit Heimat von Tausenden, die, auf Grund der hohen Strahlenbelastung durch die Kernschmelzen in Fukushima Daiichi zur Evakuierung gezwungen worden sind. Schöne verlassene Häuser, leere Geisterstädte, 30 Millionen Säcke radioaktiven Mülls mit einem Gewicht von 30 Millionen Tonnen stehen entlang den Straßen und füllen einst üppige Reisfelder. Wohin immer sie gehen, werden sie ständig daran erinnert, daß alles radioaktiv verseucht ist. Das ist die neue Präfektur Fukushima.


Arnie Gundersen:
Das ist also mein erster Tag in Fukushima, und nachdem wir den Hochgeschwindigkeitszug in Fukushima City verlassen hatten, fuhren wir zu einigen Ortschaften, die das Kraftwerk umgeben. Und ich sagen ihnen, die Verödung ist schauderhaft. Sie gehen an schönen Häusern vorbei, und sie sind verlassen. In den Bergen liegt Schnee und die Zufahrten sind nicht geräumt und die Orte beginnen zu verwahrlosen. Und in ihren Vorgärten sehen sie Tausende Säcke und jeder Sack wiegt eine Tonne – voll mit Dreck. Dort stehen 30 Millionen Säcke mit radioaktivem Müll, radioaktiven Blättern und allem Möglichen mit einem Gewicht von 30 Millionen Tonnen


MG:   Ist das überall im Land so oder nur in der Präfektur Fukushima oder Fukushima City?


AG:    Oh, überall in der Präfektur Fukushima. Das ist die einzige Region, die wir heute sahen. Aber es ist überall. Ich bin die Straße entlang gefahren und in einem Vorgarten stand ein Stapel mit 20 dieser gigantischen Plastiksäcke, voll mit radioaktivem Material. Und dann sind tatsächlich alle Reisfelder angefüllt mit Säcken voll radioaktiven Materials. So werden sie dort für lange Zeit keinen Reis mehr anbauen. Dann stießen wir auf einen Parkplatz in einem Supermarkt auf dessen Mitte sich eine große radioaktive Quelle befand, ǘber die die Menschen hinweggingen und -fuhren. Er war bedeckt mit schwarzem, radioaktivem Staub. Wohin immer du gehst – es ist überall. Und jedes Haus, das wir sahen, war verlassen. Dann kommst du in eine kleine Stadt, die tagsüber für die Bauarbeiter geöffnet ist und geschlossen wird, wenn sie wieder gehen –


MG:   Was meinst du mit Bauarbeiter. Menschen die dort saubermachen?


AG:    Ja. Hier in Fukushima schafft die Kernkraft tausende von Jobs, weil dort all diese Leute die Radioaktivität beseitigen, sowohl die auf den Feldern als auch die im Kraftwerk. Bisher sind wir noch nicht am Kernkraftwerk gewesen. Aber überall wirst du ständig daran erinnert, daß alles radioaktiv ist. Große orangene Schilder am Straßenrand weisen darauf hin, daß die Region sich nicht im Bau befindet, sondern dekontaminiert wird und die Dekontamination noch noch nicht abgeschlossen ist. Und wir gehen in Regionen die dekontaminiert waren und genauso kontaminiert sind wie der ganze Rest. Sobald sie gereinigt worden sind, regnet regnet es und kontaminiert sie wieder.


MG:   (3:25) Wieso geschieht das? Wiese bringt der Regen es zurück? Ist es weil – laß es mich so formulieren: Wird es von den Bergen oder den Hängen herab gespült? Oder kommt es aus dem Kraftwerk? Oder tritt aus der Anlage immer noch Radioaktivität aus, die durch die Abgasfahne zurückgelangen?


AG:    Nun, sie reinigen nur 6 Meter auf jeder Seite der Straße. So gelangt all der Staub und Schutt, der sich in den Wäldern befindet über den Wind oder den Regen wieder zurück in die Vorgärten. Wohin wir auch schauen – eine der Proben, die einer meiner wissenschaftlichen Kollegen sammelte enthielt signifikante Mengen an Plutonium. Auf einem Quadratmeter maß er 19 Kernzerfälle pro Sekunde. Und dieses Zeug verbleibt dort für eine viertel Million Jahre. So sieht's aus –


MG:   Darf ich dich für einen Moment unterbrechen, Arnie? Dieses Plutonium war Teil des Kerns, der bei der Explosion ausgetreten ist, richtig?


AG:    Ja, die einzige Quelle, von der es stammen kann, befand sich im Reaktorinneren.


MG:   Und das Plutonium hat sich an unerwarteten Orten abgelagert? Richtig?


AG:    Ja. Es ist überall. Jeder Klick meines Geigerzählers zählt einen Kernzerfall und er zeigt mir nicht das Isotop, aber es ist überall, und wir sind vorsichtig. Wir tragen die ganze Zeit Handschuhe und Atemschutzmasken.


MG:
   Leben Menschen in Fukushima City?


AG:    Fukushima City ist relativ sauber. Es ist 40 Meilen von der Anlage entfernt. Als wir dort waren betrug die Hintergrundstrahlung 40 Klicks pro Minute. Aber ich war in den Bergen und in die Nähe des Kraftwerks; ich war nur 7 oder 8 Meilen davon entfernt.  Und ich maß über das zehnfache an der Windschutzscheibe des Autos. Als wir dort entlang fuhren klickte es 400 Mal in der Minute. Ich bin mit drei Autos voller Wissenschaftler unterwegs, und als wir Fukushima City verließen, maßen deren Detektoren 40 Klicks pro Minute. Und als wir in die Berge zwischen dem Fukushima City und dem Kraftwerk fuhren, stiegen die Werte auf 400 an – 10 Mal höher als in der Stadt. Und überall liegt schwerer Schnee. Es liegen mindestens 30 Zentimeter Schnee in den Bergen, der wie ein Schirm funktioniert und verhindert, das die Strahlung noch höher ist. Wir fuhren zu einer im Bau befindlichen Müllverbrennungsanlage. Und sie planen dort täglich 10 Tonnen des Materials zu verbrennen. Also, es gibt hier 30 Millionen Tonnen davon. Das bedeutet, daß sie in 3 Millionen Tagen damit fertig sind. Eine wirklich lange Zeit. Eintausend Jahre.


MG:   (7:08) Eintausend Jahre?


AG:    Ja. Die Müllverbrennungsanlage ist noch nicht in Betrieb, aber ihr Ziel sind 10 Tonnen täglich. Der Wissenschaftler, mit dem ich unterwegs war, ging zum Straßenrand und nahm eine Strahlungsprobe – eine klitzekleine Probe von dem schmutzigen Schnee am Straßenrand – und er maß 400 Klicks pro Minute. Wo immer der Boden also freiliegt, finden sich hohe Strahlenwerte in den hiesigen Bergen. Sie fließt direkt in den Pazifik. Wenn der Schnee schmilzt, wird er nicht gesammelt. Er fließt in den Pazifischen Ozean.


MG:
   Du sprachst über das Plutonium. Wo wurde es gefunden? War es in der Nähe einer bewohnten Gegend oder in den Wäldern? Du sagtest etwas über einen Parkplatz. Ist der Supermarkt noch in Betrieb?


AG:    Das Plutonium wurde etwa 10 Meilen entfernt von dem Kraftwerk in einem Feld gefunden. Aber es wurde gefunden weil sie dort schauten. Wenn es sich auf einem Feld befindet, ist es überall. Wo sich also strahlendes Caesium befindet, ist auch Plutonium. Und das ist wirklich erschreckend.


MG:   Ist das, worüber du ganz am Anfang mit Dr. Kalthoven gesprochen hast?


AG:    Ja. Es ist offensichtlich, daß eine signifikante Menge Plutonium über die gesamten Hügel verteilt ist. Und da Caesium eine Halbwertzeit von 30 Jahren hat, ist es in  300 Jahren verschwunden, aber Plutonium hat eine Halbwertzeit von 25.000 Jahren, weshalb es erst in einer viertel Million Jahren verschwunden sein wird. Einige der Caesium-Werte sind so hoch – wir hatten einen Caesium-Wert – Wissenschaftler erzählten mit, daß sie einen Caesium-Wert von 25 Millionen Becquerel pro Kilogramm gemessen haben. Ein beachtlicher Wert. Das bedeutet, daß in 300 Jahren ein tausendstel davon verschwunden ist. Nun, 25 Millionen – daß sind immerhin 25.000 Klicks pro Minute pro Pfund – bei 2 Pfund an Material. Das sind beachtliche Werte.


MG:   Kannst du das für unsere Hörer ein wenig näher ausführen? Ich weiß, daß wir eine Menge neuer Mitglieder und Interessierte bei Fairewinds haben. Deshalb möchte ich, daß sie verstehen, was du mit Halbwertzeiten meinst.


AG:    Angenommen sie hätten 100 Moleküle von irgend etwas – sagen wir Caesium 137 – dann wären in 30 Jahren – bei einer Halbwertzeit von 30 Jahren – die Hälfte davon verschwunden und sie hätten nur noch 50 Partikel. In den kommenden 30 Jahren wäre wieder die Hälfte davon verschwunden und sie hätten noch 25 Partikel. Also wären in 60 Jahren 100 Partikel auf 25 reduziert. Dann halbieren sich diese 25 auf 12,5 und diese in weiteren 30 Jahren auf 6,25. Also halbiert sich, was übrig bleibt, alle 30 Jahre.


MG:   Bedeutet das, daß es dann den Menschen nicht mehr schadet, daß die Dosis geringer ist? Kannst du das ein bißchen näher erklären?


AG:    Nun, das bedeutet, daß es erst nach 10 Halbwertzeiten, wie Wissenschaftler sagen, verschwunden sein wird. Also sind sie dem Caesium hier in den Bergen von Fukushima noch für 300 Jahre ausgesetzt.


MG:    Und was ist mit dem Caesium, Strontium und Plutonium – mit all den radioaktiven Isotopen dort?


AG:    Ja. Es ist einfacher Caesium und Plutonium nachzuweisen als Strontium, weil die Zerfallsprodukte von Strontium wirklich schwer nachweisbar sind. Aber ja, all diese Partikel befinden sich dort oben in den Bergen und auf keinen Fall könnte eine beliebige Anzahl von Menschen in das gesamte Gebirge gehen. Einige dieser Berge sind 2.700 m hoch. Dort hinaufzugehen, um die gesamte Gebirgsregion zu reinigen, übersteigt die menschlichen Fähigkeiten. Bei jedem Schneefall oder Regen fließt demnach radioaktives Material in die Ortschaften und in den Pazifik.


MG:   Und wir sprechen noch nicht einmal von der bioakkumulativen Wirkung dessen, das in den Boden gelangt und von Bäumen und Pflanzen aufgenommen
worden ist und neu in den Kreislauf eingebracht wird.

AG:    In den Bergen rund um Fukushima gibt es Affen. Wir sahen dort heute tatsächlich einen die Straße überqueren. Einer der Wissenschaftler beobachtete wie er sein Geschäft verrichtete und sammelte den Kot ein. Und der Kot des Affen enthielt 50.000 Becquerel Caesium pro Kilogramm. Also werden die Affen in den dortigen Wäldern zunehmend hoch radioaktiv.


MG:   Und sie verteilen die Radioaktivität wo immer sie hingehen.


AG:    Ja. Ich habe den Eindruck, daß die Säuberung sinnlos ist.  Diese Gebiete, in denen die Wissenschaftler heute sammelten, galten als gereinigt und sind wieder hoch radioaktiv. Und diese tiefe Traurigkeit beim Anblick dieser schönen verlassenen Einfamilienhäuser, die wahrscheinlich für 100 Jahre verlassen bleiben. Die Sinnlosigkeit und die Traurigkeit sind die beiden Umstände, die mich, denke ich, am meisten beeindruckt haben werden, wenn ich heute Abend zu Bett gehe.


MG:    Ich bedanke mich, daß du dir die Zeit für unser Gespräch genommen hast und habe noch eine Frage, bevor wir zum Ende kommen. Du hast von der Müllverbrennungsanlage erzählt und von dem ganzen Abfall, den sie dort verbrennen werden. Wird sie sie aufbewahrt, wenn sie errichtet und fertiggestellt ist? Ich meine, wo landet die radioaktive Luft, die bei der Verbrennung entsteht? Kann sie aufgefangen werden?


AG:    Ja, die Japaner vermarkten das Design dieser Müllverbrennungsanlagen in ganz Asien und fordern die Staaten auf sie auch zu bauen, um, im Falle einer Nuklearkatastrophe, Müllverbrennungsanlagen zu besitzen, in denen all das Caesium verbrannt werden kann.


MG:   Ich erinnere mich daran, daß du vor einigen Jahren sagtest, daß ein großer Austritt von Radioaktivität im Katastrophenfall, bei der Kernschmelze eines Atomkraftwerks verheerender sein würde als eine Atombombe. Meinst du das immer noch?

AG:   Oh, ja. Die Menge an Atommüll eines Jahres – ein Kernkraftwerk produziert im Laufe eines Jahres so viel Atommüll wie 500 Atombomben. Wir haben jährlich 400 Atomreaktoren mit einer Laufzeit von 40 Jahren in Betrieb. Also produzieren wir eine gewaltige Menge mehr Atommüll als es eine Atombombe je würde.


MG:   Dank dir Arnie. Dank dir dafür mit uns gesprochen und deine Einblicke mit uns geteilt zu haben. Und ich weiß, daß wir während deiner Reise eine weitere Gelegenheit hierfür haben werden.




     Ich möchte mich bei all unseren Zuhörern für ihr Interesse an diesem Podcast bedanken und kündige ein Update von Arnies Aufenthalt in Japan in einigen Tagen an. Was sind die Kosten für die Menschen in Japan, die zur Evakuierung gezwungen worden sind oder immer noch inmitten dieses riesigen Aufkommens von Radioaktivität leben? Und wie Arnie dargestellt hat, ist es ein brutaler Kreislauf. Die Radioaktivität wird beseitigt, aber sie ist immer noch in den Bergen; sie ist immer noch im Schnee; sie ist immer noch im Regen. Was wird mit den Tonnen um Tonnen – Millionen von Tonnen an Schutt geschehen? Bleiben sie für den Rest dieser Reise in Japan bei uns, um zu erfahren was dort drüben geschieht. Wir halten sie auf dem Laufenden.

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Arnie Gundersen ist Chefingenieur bei Fairewinds und war früher Nuklearingenieur.


Quelle: http://www.fairewinds.org/podcast//ground-zero-japan-speaking-tour-no-2


Anm d. Redaktion:
Auch wenn die im Interview beschriebenen Plastiksäcke ein Fassungsvermögen von 1000 l haben, dürfte ihr Gewicht deutlich geringer sein als im Beitrag angegeben. Dennoch wird es Jahrzehnte dauern bis deren radioaktiv strahlende Inhalt verbrannt worden ist.


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zuletzt geändert: 26. 02. 2016, 16:55 Uhr




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