Samstag, 5. März 2016

Die Tötung von Geliebten anderer

von Mattea Kramer via TomDispatch.com
übersetzt von wunderhaft



Der Einsatz für den amerikanischen Weg des Krieges im Wahlkampf 2016


3. März 2016
Die Menge, die sich in dem Flugzeughangar in der Wüste versammelt hatte, tobte vor Entzückung als der Mann auf der Bühne gelobte Frauen und Kinder zu ermorden.

Es war eine weitere Wahlveranstaltung von Donald Trump, und der Kandidat bekräftigte sein zuvor gegebenes Versprechen nicht nur Terroristen zu töten, sondern auch ihre Familienmitglieder zu "entfernen". So ungeheuerlich das klingen mag, unterscheidet es Trump deutlich von den meisten seiner republikanischen Rivalen, die erbittert darum konkurrieren wer im Falle ihrer Wahl die schrecklichsten Kriegsverbrechen begehen wird. All die abschreckenden Erklärungen dazu, wer über mehr Tötungen von Unschuldigen in fernen Ländern bestimmen wird -- und der donnernde Applaus, der solchen Prahlereien entgegnet -- könnte leicht als Beweis dafür dienen, daß der größenwahnsinnige republikanische Spitzenkandidat, seine verschiedenen Gegner und ihre Legionen von Unterstützern alle wahnsinnig sind.

Schon Trumps Versprechen, die zivilen Angehörigen von Terroristen zu ermorden, könnte -- in seiner unverblümten, erfrischenden Offenheit --  ganz einfach beim Vergleich mit Prädident Obamas andauernder Politik des Verlustes von Drohnen und U.S.-Spezialeinheiten im Mittleren Osten, berücksichtigt werden. Solche Strategien, die mit ihnen einhergehenden Ermordungen, und die "Kollateralschäden", die sie regelmäßig verursachen basieren auf einer einzigen Voraussetzung, wenn sie an die amerikanische Öffentlichkeit gelangen: daß wir unsere Trauer und Empathie ständig unterdrücken, wenn es um den Tod (oder das Leben) in fernen Ländern geht.

Geheimdokumente, die kürzlich durch einen Wisthleblower zum Inercept durchgesickert sind, beschreiben die von der CIA und dem Joint Special Operations Command des  Pentagon durchgeführten "Tötungsaktionen" im Jemen und in Somalia. (Die Vereinigten Staaten führen auch Drohnenangriffe im Irak, Afghanistan, Pakistan und Libyen aus; die durchgesickerten Dokumente erklären wie Präsident Obama die Praxis der Angriffe auf ferne Regionen mit "aktiven Feindseeligkeiten" institutionalisiert hat.) Geheimdienstpersonal konstruiert einen Fall gegen einen Terrorverdächtigen und erarbeitet dann etwas, das als "baseball card" bezeichnet wird -- ein kommprimiertes Dossier mit einem Portrait des anvisierten Individuums und dem Charakter der angeblichen Bedrohung von U.S.-Interessen -- und die Kommandokette hinauf geschickt wird, bis es schließlich im Oval Office landet. Der Präsident trifft sich dann mit mehr als hundert Repräsentanten seines nationalen Sicherheitsteams, gewöhnlich einmal wöchentlich, nur um darüber zu entscheiden welche dieser Karten für den Tod ausgewählt werden. (Die New York Times hat den traulichen Prozeß der Auswahl von Tötungszielen anschaulich beschrieben.)

Dann gehen Befehle ihren Weg herunter zu den Drohnenbetreibern irgendwo in den Vereinigten Staaten, die das Flugzeug ferngesteuert, tausende Meilen von den zu Tode mißbrauchten Individuen entfernt, zum Zielort bringen und abdrücken. Doch wenn diese Drohnenbetreiber Raketen am anderen Ende der Welt zünden, ist die schreckliche Wahrheit, daß die Vereinigten Staaten "oft unsicher sind wer sterben wird", wie es eine Schlagzeile der New York Times ausdrückt.

Dies liegt daran, daß allzeitige Kenntnis des genauen Aufenthaltsortes eines Ziels fehlerhaft sein kann. Und so, berichtet die Times, "befinden sich die meisten getöteten Individuen nicht auf einer Tötungsliste, und die Regierung kennt ihre Namen nicht". Im Jahr 2014, zum Beispiel, stellte die Menschenrechtsgruppe, Reprieve, nach der Analyse von begrenzt erhältlicher Daten über Drohnenangriffe fest, daß bei Versuchen 41 Terrorverdächtige zu töten (von denen nicht alle starben) 1.147 Menschen ums Leben kamen. Die Studie fand heraus, daß die große Mehrzahl der Treffer die beabsichtigen Opfer nicht tötete, und das diese vielen Angriffe oft nur einem einzigen Ziel galten. Der Guardian berichtete, daß die Vereinigten Staaten bei Versuchen 24 Männer in Pakistan zu töten -- nur sechs von ihnen wurden bei erfolgreichen Drohnenangriffen schließlich getötet --  schätzungsweise 142 Kinder starben.

Trumps Plan, nur die Angehörigen von Terroristen zu ermorden, erscheint hiergegen vergleichsweise zahm.


Ihr Schmerz und der Meine


Anscheinend sollen Sie und ich all diese unbeabsichtigten Tötungen nur als "Kollateralschäden" betrachten, oder anders sollen wir sie überhaupt nicht betrachten. Wir sollen jedes Gefühl von Reue oder Mitgefühl ausschalten, das wir für die Zivilisten empfinden mögen, die an dieser mörderischen Art von Sicherheistpolitik unseres Landes sterben.

Ich gebe zu hierbei zu versagen:  wenn ich auf solche Berichte stoße, manchmal tief versunken in Nachrichtenmeldungen -- einschließlich der 30  Menschen, unter ihnen 3 Kinder, die im vergangenen Oktober bei einem "versehentlichen" U.S.-Luftangriff auf ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen im afghanischen Kundus getötet wurden, oder über die zwei Frauen und drei Kinder, die im letzten Frühjahr bei einem U.S.-Luftangriff an einem Checkpoint des Islamischen Staates in Fetzen gerissen wurden, weil die Piloten von zwei A-10 Warthogs, welche die Stellung angegriffen haben, nicht erkannt haben, daß sich Zivilisten in den dort angehaltenen Fahrzeugen befanden, oder bei unzähligen ähnlichen Vorfällen die sich mit bemerkenswerter Regelmäßigkeit ereigneten und es kaum bis in amerikanische Nachrichtenmeldungen schaffen -- stelle ich fest, daß ich die kalte Distanz, die zur Akzeptanz der Strategien unserer Regierung nötig ist, nicht aufbringen kann. Und hieran gebe ich meinem Vater die Schuld (oder bedanke mich mich bei ihm).

Um zu verstehen warum es mir so schwer fällt die Toten schönzufärben, müssen Sie wissen, daß ich am 1. Dezember 2003, ein Datum, das ich niemals vergessen noch mich ganz davon erholen werde, bei einem Anruf nach Hause aus einer Telefonzelle in einer gepflasterten Straße in der Schweiz -- wo ich damals einen Wanderurlaub verbrachte -- begriff, daß mein Vater tot war. Eine Herzinfarkt hatte ihn, so plötzlich wie eine Hellfire-Rakete, dahingestreckt.

In der von der Sonne aufgewärmten Telefonzelle stehend, den Hörer mit bloßen Händen umklammernd, tief in der Kehle einen Brechreiz verspürend drückte ich meine Augen zu und sah meinen Dad. Erst sah ich seinen Rücken, wie er an seinem breiten Schreibtisch saß, die lichte Stelle in seinem Haar unverdeckt. Dann sah ich ihn in seinen Nylonhosen und der Baseballkappe auf seinem Weg zum Tischtennisspiel an der Küchentür innehalten. Und schließlich sah ich ihn bei unserem letzten Abschied, am Logan Airport in Boston, auf einem Fleck des schmuddeligen Teppichbodens stehend, als ich seine bärtige Wange küßte.

Ein paar Tage später, nachdem mir stummes Weinen zu einem Platz auf einem ausgebuchten Transatlantikflug verholfen hatte, stand ich im blassen Licht des frühen Dezembers und beobachtete die Angestellten des Friedhofs dabei wie sie die Seile lockerten, um Dad's hölzerne Kiste in den Boden zu lassen. Ich starrte in dieses Erdloch hinab — weinend, schwitzend und zitternd in der stechenden Kälte und versuchte der Sinnlosigkeit einen Sinn zu geben: Warum war er tot, während der Rest von uns lebte?

Und deshalb neige ich dazu an die Hinterbliebenen zu denken, wenn ich von all den unschuldigen Zivilisten lese, die wir in all den Jahren mit Luftangriffen getötet haben, die der Präsidentschaftskandidat, Ted Cruz, "einen Segen" nennt. Jene, die die Menschen, die wir getötet haben liebten. Ich frage mich wie sie die Nachricht erhalten haben. ("Wir haben hier eine Tragödie", sagte meine Mom zu mir.) Ich mache mir Gedanken über den erschütternden Schmerz, den sie beim Verlust ihrer Väter, Mütter, Brüder, Schwestern, Kindern und Freunden bestimmt empfinden. Ich frage mich welche Erinnerungen sie überkommen, wenn sie aus Trauer die Augen zudrücken. Und ich frage mich ob sie jemals ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen und zum einem Anschein von Normalität in Gesellschaften, die oft um sie herum zusammenbrechen, zurückkehren können. (Was ich mich allerdings nicht frage ist, ob es wahrscheinlich ist, daß sie radikalisierte werden oder nicht -- nicht nur unsere Drohnen, sondern unsere Land und uns selbst zu hassen -- weil die Antwort zu offensichtlich ist.)


Gott spielen im Oval Office


"Es ist das Schlimmste, was einem je passieren kann", schrieb der Schauspieler Liam Neeson kürzlich auf Facebook. Er schrieb nicht über Drohnenangriffe, sondern über die fundamentale Erfahrung des Verlustes -- beim Verlust eines geliebten Menschen, egal wodurch. Sie verbrachten fünf Jahre bis zum plötzlichen Tod seiner Frau. "Sie sagen, es ist das Schrecklichste auf der Welt einen geliebten Menschen zu verlieren", fügte er hinzu. Ich will ihm nicht widersprechen. Nach dem Verlust ihres Mannes postete die Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sandberg, über "den brutalen Moment, an dem ich von der Leere übernommen wurde, als die Monate und Jahre sich vor mir ausdehnten, endlos und leer". Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes beschrieb die Autorin Joan Didion den Schmerz als "unbarmherzige Folge von Momenten, in denen wir der Erfahrung der Sinnlosikeit selbst gegenüberstehen werden".

Dies deckt sich mit der Beschreibung von einem Mann im Jemen, dem ein großer Teil seiner Großfamilie bei seiner Heirat von einer amerikanischen Drohne erschossen wurde. "Ich fühlte mich selbst tiefer und tiefer in die Dunkelheit gehen", erzählte der Mann später einem Reporter. Die Drohne traf ein nachdem die Hochzeitsgäste in die mit Bändern geschmückten Fahrzeuge gestiegen waren, um die Braut in den Heimatort ihres Bräutigams zu geleiten. Alle Mägen waren mit Lammfleisch gefüllt und es war Dämmerung. Es war still. Dann öffnete sich der Himmel, und vier Raketen regneten auf den Festzug herab und töteten Zwölf.

U.S.-Luftschläge haben auch eine Menge anderer Hochzeitsfeiern getroffen. Und Begräbnisse. Und Kliniken. Und eine unbekannte, nicht nachvollziehbare Anzahl an Wohnhäusern. Die mit Drohnen verübten Tötungsaktionen der CIA in pakistanischen Stammesregionen veranlasste bereits eine Gruppe amerikanischer und Pakistanischer Künstler zur Errichtung eines riesigen Portraits eines Kindes auf dem Boden einer regelmäßig anvisierten Region dieses Landes. Die Künstler wollten die Drohnen-Piloten in die Augen der jungen Menschen sehen lassen, die sie möglicherweise auf's Korn nehmen, anstatt der kleinen Infrarot-Figuren auf ihren Computerkonsolen, die sie umgangssprachlich "Fliegenschiß" nennen. Es ist eine Aufforderung an sie nicht anderer Menschen Geliebte zu töten.

Hin und wieder tritt ein Drohnen-Pilot an die Öffentlichkeit und offenbart die emotionale und psychische Belastung beim Töten per Knopfdruck für den Broterwerb während der zu absolvierenden 12-stündigen Schichten in einem fensterlosen Bunker eines Luftwaffenstützpunkts. Während der sechsjährigen Arbeit eines Soldaten, der damit im Alter von 21 Jahren begann, gab es einen Moment, in dem er flüchtig eine kleine Figur erblickte, die am Rand eines Hauses in Afghanistan umher huschte, während die Rakete, die auf das Haus zielte, schon unterwegs war. Aufgeregt fragte er seinen Co-Piloten: "Sah das wie ein Kind für dich aus?" Fieberhaft begann er Anfragen einzutippen, um den an einem anderen Ort stationierten Beobachter der Mission - einem Geheimdienstmitarbeiter - nach der Anwesenheit eines Kindes zu fragen. Er erhielt nie eine Antwort. Momente später traf die Rakete das Haus und zerstörte es völlig. Danach hat dieser spezielle Drohnenpilot das Militär verlassen. Nach seinem Austritt verbrachte er einen bitterkalten Winter in seiner Heimat im Staat Montana damit sich bewußtlos zu saufen und auf einem öffentlichen Spielplatz in seinem von der Regierung gestellten Schlafsack zu übernachten.

Jemand anders hat gewiß seinen Platz an der Konsole übernommen und fährt damit fort Tötungsbefehle von oben zu erhalten (und zu befolgen / Anm. d. Übers.).

In der Zwischenzeit haben Donald Trump und die meisten anderen Kandidaten der Republikaner darum konkurriert, wer Kombattanten wie Zivilisten am erfolgreichsten ausradieren kann. (Der bisher von uns gefundene Kommentar von Ted Cruz zu Flächenbonḿbardements auf ISIS, "wenn Sand im Dunkeln leuchten kann", wurde praktisch zu einem Schlagwort.) Aber es sind nicht nur die Republikaner. Jeder einzelne der großen Kandidaten beider Parteien hat Pläne zum Erhalt einiger Versionen der von Washingtons zunehmend weit verbreiteten Drohnen-Kampagnen.

Mit anderen Worten wird ein Programm, das unter Präsident Bush als entscheidender Teil seines "globalen Kriegs gegen den Terror" entstand und das unter Präsident Obama weiter institutionalisiert und hochgefahren wurde, bald an den neu zu wählenden Präsidenten vererbt.

Wenn sie auf diese Weise darüber nachdenken, ist die Wahl im Jahr 2016 weniger die Abstimmung über die Auswahl des Anführers der letzten Supermacht des Planeten als ein Wettkampf über die Entscheidung, wer demnächst in's Oval Office einritt und die Chance bekommt Gott zu spielen.

Wer wird Ihre Unterstützung als bester Kandidat für die Fortsetzung der Tötung von Geliebten anderer erhalten?

Geh zu den Wahlen, Amerika.

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Mattea Kramer ist regelmäßige Gastautorin bei TomDispatch, die über eine große Spanne von Themen schreibt, vom Militär bis hin zu Liebe und Verlust. Sie bloggt auf This Life After Loss. Folgen Sie ihr bei Twitter.

Copyright 2016 Mattea Kramer


Quelle: http://www.tomdispatch.com/post/176110/tomgram:_mattea_kramer,_the_grief_of_others_and_the_boasts_of_candidates


zuletzt geändert: 06. 03. 2016, 08:05 Uhr


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