Montag, 26. September 2016

Die düsteren Wahrheiten der Globalisierung im neuen Jahrtausend

Von Graham Vanbergen
Übersetzt von wunderhaft


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22. September 2016, The European Financial Review
Die Globalisierung, das Lieblingskind der neoliberalen Bewegung, hat sich im letzten Jahrzehnt in einen gefährlichen Hydra-ähnlichen Anti-Helden verwandelt, der der ein Geschäft aus Brandschatzung und Plünderei betreibt. Demokratie, Wirtschaftswachstum, Freiheit und der Austausch von Weltbildern und Kulturen wurden gewaltsam unter dem festen Griff unternehmerischer Gier und Macht aufgegeben.

Im Jahr 2001 erklärte der Internationale Währungsfond, daß die "Globalisierung umfangreich Gelegenheiten für eine wahre weltweite Entwicklung geboten hat" und folgerte in seinem Bericht, "daß sich durch die fortschreitende Globalisierung die Lebensbedingungen (besonders an breiteren Maßstäben des Wohlbefindens gemessen) in buchstäblich allen Ländern verbessert haben".

Die Financial Times (FT) beschrieb die Globalisierung als: "einen Prozeß, durch den die landesweiten und regionalen Ökonomien, Gesellschaften und Kulturen sich durch das globale Netzwerk von Handel, Kommunikation, Einwanderung und Transport integriert worden sind". Und die Washington Post schrieb bekanntlich, daß "die Globalisierung als Strategie entworfen wurde, die  die Wirtschaft aller Länder, sowohl armer als auch reicher, gleichermaßen wachsen ließe".

Die Globalisierung ist als Allheilmittel für die Krankheiten der Welt verkauft worden, jedoch war es in Wirklichkeit nicht mehr als eine fadenscheinige, betrügerische Täuschung. Martin Wolf, der derzeit möglicherweise einflußreichste Wirtschaftsjournalist in Großbritannien, bestätigt das in seinem Artikel der FT mit dem Titel "Kapitalismus und Demokratie: Die Belastung wird sichtbar". Wolf schreibt: "Die Festlegung ökonomischer Normen, welche ein Großteil der englischsprachigen Welt mit dem Kapitalismus verbinden wird schwierig. Aber der erste Schritt erfordert ein Überdenken dessen, was die Eliten über drei Jahrzehnte mit ´Freihandel´ oder Globalisierung verbunden haben".1

Das Ergebnis dieser Täuschung ist, weit entfernt von wirtschaftlichem Wachstum, daß ein Viertel der Menschheit ohne Elektrizität und 80% der Weltbevölkerung von weniger als 10 Dollar am Tag lebt. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung, mehr als 3 Millionen Menschen, leben, dort, wo Armut zur alltäglichen Krise gehört, von weniger als 2,50 Dollar am Tag. Und von jenen leben 1,3 Millionen von nur der Hälfte dessen am Rand des Überlebens in extremer Armut. Laut UNICEF sterben weltweit täglich 22.000 Kinder an Armut.2

Im Jahr 1980 lag die weltweite Armut bei etwa 50%. Heute sagt das Welternährungsprogramm, daß: "Die Armen haben Hunger, und ihr Hunger hält sie in Armut. Hunger ist die Todesursache Nummer eins in der Welt". Für gut über die Hälfte der Menschen auf der Erde wurde die Globalisierung buchstäblich zu einem Trugbild.

Während die Globalisierung zu Beginn das Leben einiger vielleicht für kurze Zeit verbessert hat, hat sich in Wahrheit ein tiefgreifender Wandel in vielen der Parameter (jenseits des BIPs) vollzogen. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Globalisierung, der Liebling der neoliberalen Bewegung, im letzten Jahrzehnt zu einem gefährlichen Hydra-ähnlichen Anti-Helden verwandelt, der der ein Geschäft aus Brandschatzung und Plünderei betreibt. Demokratie, Wirtschaftswachstum, Freiheit und der Austausch von Weltbildern und Kulturen wurden beinah gewaltsam, unter dem festen Griff unternehmerischer Gier und Macht sowie der mit ihnen verbundene Massenansturm auf stetig schrumpfende Rohstoffe, aufgegeben.

Die 200 Während die Globalisierung zu Beginn das Leben einiger vielleicht für kurze Zeit verbessert hat, hat sich in Wahrheit ein tiefgreifender Wandel in vielen der Parameter vollzogen (abseits des BIP).
Ebenso geistert der Mythos herum, daß die Globalisierung einen verteilten Wohlstand geschaffen habe. Zur Lohnentwicklung hat das Pew Research Center betont, daß "die tatsächlichen Durchschnittslöhne amerikanischer Arbeiter vor über 40 Jahren am höchsten waren: Der Stundenlohn von 4,03 Dollar im Januar 1973 hatte dieselbe Kaufkraft wie heute 22,41 Dollar". Der derzeitige Durchschnittslohn in den Vereinigten Staaten beträgt  21,59 Dollar und der Mindestlohn beträgt (von Staat zu Staat unterschiedlich) etwa 8 Dollar pro Stunde.3

Millionen von Arbeitsplätzen wurden in Länder wie China ausgelagert, wo eine rapide wachsende Mittelschicht als globale Ausgleichsbewegung wahrgenommen werden kann. Aber wie Bloomberg berichtet "ist die chinesische Bevölkerung, mit 770,4 Millionen Menschen, die größte der Welt. Aber die Mittelklasse, die den Verbrauchermarkt dominiert, ist nur ein winziger Teil davon: Weniger als 2 Prozent der Arbeiter verdienen genug um einkommensteuerpflichtig zu sein."4 Die Globalisierung führt dazu, daß die Hälfte der Arbeiterklasse in China weniger als 165 Dollar monatlich verdient, wobei die Armut sich rapide ausbreitet, während ihre westlicher Gegenspieler zur selben Zeit verarmen.

Weitere Faktoren brachten in letzter Zeit, besonders in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren, zusätzlich die deprimierende Erkenntnis ans Licht, daß die Neue Weltordnung ein echtes Legitimationsproblem hat.

Der Econmist veröffentlichte kürzlich seinen alljährlichen Demokratie-Index. Er fand heraus, daß von 167 Ländern nur 20 "vollständige Demokratien" sind. Weniger als 13 Prozent aller Länder der Welt können derzeit von sich behaupten voll funktionsfähige Demokratien zu sein.

Der jährliche Freiheits-Index, der von Freedon House veröffentlicht wird, fand heraus, daß die Anzahl der Länder, die einen Niedergang der Freiheit verzeichnen, 72 um genau zu sein, die höchste seit Beginn der zehnjährigen Erhebung ist. Tatsächlich haben über diesen Zeitraum 105 Länder einen Netto-Rückgang an Freiheit verzeichnet. In derselben Zeitspanne wurde ebenfalls festgestellt, daß die bedeutendsten der weltweiten Einschränkungen beim Rechtsstaatsprinzip zu verzeichnen sind.

Der Welt-Pressefreiheits-Index fand kürzlich heraus, daß bei einem Großteil der weltweiten Presse ein Klima von Furcht und Spannung herrscht, das mit zunehmender Kontrolle von einschließlich westlichen Redaktionen durch Regierungen und Interessen des privaten Sektors einhergeht.

Der schlimmste Bericht ist jedoch tatsächlich der Bericht über globale Entwicklungen des UNHCR. Seine Untersuchung ergab, daß allein im letzten Jahr weltweit 65,3 Millionen Menschen, oder einer von 113, durch Krieg und Verfolgung aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Erstaunlicherweise werden derzeit mehr Menschen gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben als in der letzten katastrophalen Periode der Menschheitsgeschichte am Ende des Zweiten Weltkriegs.5

Der Bericht des UNHCR fand weiterhin heraus, daß die Welle weltweiter Vertreibungen derzeit viermal höher ist, als sie vor nur zehn Jahren war und eine jährliche Verschlimmerung wahrscheinlich ist.

Mit unersättlichem und zerstörerischem Appetit auf immer größere Profite, ungeachtet der Konsequenzen, schlußfolgert der Index für weltweite Sklaverei des Jahres 2016, daß in der heutigen Welt 45,8 Millionen Menschen Untertanen moderner Formen von Sklaverei sind. Diese Zahl ist höher als jemals zuvor in der Geschichte, stieg jedoch im letzten Jahrzehnt der Globalisierung.

Die Welle weltweiter Vertreibungen ist derzeit viermal höher, als sie vor nur zehn Jahren war und eine jährliche Verschlimmerung ist wahrscheinlich.
Es gibt heute vier mal mehr Sklaven in der Welt als auf der Höhe des Sklavenhandels im 19. Jahrhundert. Die Länder mit den höchsten absoluten Zahlen an Menschen in moderner Sklaverei sind genau dieselben, die jene Billigarbeit anbieten, welche Konsumgüter für Märkte wie West Westeuropa, Japan und Nordamerika produziert.
 Keines dieser Indizien liefert überzeugende Beweise für eine weltweite Zusammenarbeit oder kulturelles Verständnis. Und während diese haarsträubenden Fakten schon vor der Globalisierung existierten, sind sie Jahrzehnte später so viel schlimmer.

Transnationale Organisationen betreiben, groß wie sie sind, 40% des Welthandels aber beschäftigen, mit etwa 20 Millionen Menschen, nur ein halbes Prozent der Weltbevölkerung, während Milliarden von Menschen vernachlässigt, unbeschäftigt oder hungernd zurückbleiben.

Der Westen erfährt nun die erste Steigerung unternehmerischer Macht in Form von Handelsvereinbarungen wie TTIP, TPP und CETA, die mit freiem Handel weniger zu tun haben als mit Profit und unvermeidlich zu umfangreichen Interessenkonflikten und Korruption führen.

Die Panama Papers, Swiss Leaks und Luxemburg Leaks haben anschaulich demonstriert, daß wir nun nichts weiter haben als Chaos, welche von den Reichen und Mächtigen unter dem Deckmantel der Globalisierung veranstaltet wird. Hierbei werden Gewinne ausgelagert und Verluste geltend gemacht, was zwingend zu nicht nicht im Geringsten bewältigbaren Austeritätsmaßnahmen führt.

Unvorstellbarer Reichtum, der buchstäblich gesamte Nationen aushungert und Menschen die Lebensgrundlagen entzieht, wird in Steuerparadiesen versteckt. Sicherlich mehr als 30 Billionen Dollar an Schwarzgeld wird, meist von Konzernen, die nichts zu den Gesellschaften beitragen wollen, die ihre eigenen Arbeiter aufziehen, ausbilden und ihnen Gesundheitsversorgung anbieten.6

Selbst Forbes folgert, daß "die Globalisierung gut für multinationale Konzerne und die Wall Street gewesen ist. Aber die Globalisierung war schelcht für arbeitende Menschen (ob mit blauem oder weißem Kragen) und hat zu einer kontinuierlichen Deindustrialisierung Amerikas geführt". Dies kann für alle modernen westlichen Länder behauptet werden.

Die Hauptvorteil der Globalisierungstäuschung war die Vermutung, daß der Freihandel Hindernisse wie Tariflöhne, Umsatzsteuern, Subventionen und andere solcher Barrieren zwischen Nationen verringert. Das ist natürlich auch nicht richtig. Die G20-Länder haben seit 2008, zum Vorteil ihrer eigenen Agenda, mehr als 1.200 restriktive Im- und Export-Maßnahmen eingeführt.

Das Modell des Freien Marktes sollte zu kontinuierlich sinkenden Preisen durch gesteigerte Effizienz und Innovationen führen. Jedoch manipulierten viele Länder ihre Währungen, um einen Preisvorteil zu erhalten, wobei Japan und China Paradebeispiele hierfür sind.

Die meisten Entwicklungsländer wurden mit der Versprechung getäuscht, daß üppige Kapitalspritzen und der Gebrauch von Technologie wirtschaftlichen Wohlstand erzeugen würde. Für die große Mehrheit der Völker trifft das schlicht nicht zu, ferner hat der Wettlauf um Rohstoffe und technologische Vorteile zu steigender Rivalität und Spannungen geführt.

Ein viel durchlässiger Arbeitsmarkt hat im Westen einen Druck auf die Löhne verursacht, und wie wir gesehen haben, war der "Brexit" eine Zurückweisung von Globalisierungseffekten. Dazu drang kürzlich ein überraschender, kulturellen Konflikten geschuldeter, Anstieg von Nationalismus in vielen europäischen Staaten an die Oberfläche.

Die Globalisierung hat der Umwelt durch ein totales Mißmanagement von natürlichen Rohstoffen unsäglichen Schaden zugefügt und der ihr folgende ökologische Schaden, entfaltet sich langsam zu einem die menschliche Existenz infrage stellenden Klimawandel.

Unverdrossen befürworten Unternehmen Handelsabkommen wie CETA, TPP und TTIP, die mehr oder weniger auf dem gescheiterten amerikanischen Handelsabkommen, NAFTA, basieren, welches nur drei Auswirkungen hatte: Den Verlust qualifizierter Arbeitsplätze, ein erhöhtes Handelsdefizit und um sich greifende Ungleichheit.

Laut den konservativen Schätzungen von Robert Scott vom Economic Policy Istitute "hat die Vergabe der Meistbegünstigungsklausel an China 3,2 Millionen amerikanische Arbeitsplätze, einschließliche 2,4 Millionen in der verarbeitenden Industrie, gekostet". Der EU steht beim Beschreiten desselben Weges mit ihren drohenden Handelsverträgen mit den Amerikanern, die nun verzweifelt die ökonomische Oberhand zurückgewinnen wollen, dasselbe Ende bevor.

Die Globalisierung hat der Umwelt durch ein totales Mißmanagement von natürlichen Rohstoffen unsäglichen Schaden zugefügt und der ihr folgende ökologische Schaden, entfaltet sich langsam zu einem die menschliche Existenz in Frage stellenden Klimawandel [beim Thema "Klimawandel" ist der Übersetzer anderer Meinung].

Sogar der Papst ist besorgt. "Um das klarzustellen, wenn ich über Krieg rede, spreche ich über wirklichen Krieg. Nicht über Religionskrieg, Es gibt einen Krieg um Interessen. Es gibt einen Krieg um Geld. Es gibt einen Krieg um Rohstoffe, Es gibt einen Krieg um die Herrschaft über Menschen." Hier hat Papst Franziskus auf die Globalisierung und die Ziele der so genannten Neuen Weltordnung, der totalen Kontrolle über jedes menschliche Wesen, hingewiesen.

Schließlich stimme ich Martin Wolf zu. Es existiert eine hohe Wahrscheinlichkeit, daß der extreme Neokapitalismus, der durch das Globalisierungsmodell ausgedehnt worden ist in einer weltweiten Plutokratie enden könnte, die alle nationalen Regulierungen und Demokratien zum Einsturz bringt, was praktisch etwa während des letzten Jahrzehnts geschehen ist.

Die Welt wurde durch eine Krise nach der anderen, welche eine eine Form von Aggression und Furcht angenommen haben, ramponiert, was zu Krieg unter Staaten und Konzernen geführt hat, der von der Aneignung und Ausbeutung von Rohstoffen abhängig ist. Das Prinzip der Globalisierung ist nun ein gewinnen-um-jeden-Preis Szenario – Kapitalismus in seiner schlimmsten Form.


Quellenangaben:
1. http://www.ft.com/cms/s/0/e46e8c00-6b72-11e6-ae5b-a7cc5dd5a28c.html
2. https://www.dosomething.org/us/facts/11-facts-about-global-poverty
3. http://www.tradingeconomics.com/united-states/wages
4. http://www.bloomberg.com/news/articles/2016-03-09/here-s-what-china-s-middle-class-really-earn-and-spend
5. http://www.unhcr.org/news/latest/2016/6/5763b65a4/global-forced-displacement-hits-record-high.html
6. http://www.democracynow.org/2012/7/31/exhaustive_study_finds_global_elite_hiding


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Über den Autor:

Graham Vanbergen ist der Herausgeber von TruePublica.Org.UK, einer im August 2015 gegründeten unabhängigen Organisation für Medienrecherche. Seine Arbeiten werden von mehreren angesehenen Kanälen, wie etwa Global Research und Centre for Research on Globalisation veröffentlicht.



Quelle: http://www.europeanfinancialreview.com/?p=9975


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