Montag, 21. November 2016

Warum die Schlacht um Aleppo so langwierig und so wichtig ist

Von SOUTH FRONT
Übersetzt von wunderhaft



19. November, SOUTH FRONT
Die Belagerung von Petersburg während des amerikanischen Bürgerkriegs dauerte 9 Monate. Die Belagerung von Tobruk während des 2. Weltkriegs dauerte 8 Monate. Die Verteidigung Leningrads während des 2. Weltkriegs dauerte 900 Tage. Tripoli wurde im Jahr 2011 innerhalb von 8 Tagen eingenommen. Die Schlacht um Aleppo tobt seit 2012, und bisher hat keine der Konfliktparteien einen entscheidenden Vorteil errungen.

Aleppo ist nicht die Hauptstadt Syriens, jedoch war ihre Einwohnerzahl im Jahr 2012 mit 2,1 Millionen höher, als die in Damaskus. Die Stadt ist ein großes industrielles Zentrum, in dem sich vor dem Krieg Elektro-, Chemie-, Textil und pharmazeutische Unternehmen konzentrierten. 60% der Exporteinnahmen des Staates 60% stammten aus Aleppo. Auch wurde die Stadt die Heimat von Militärschulen, wie der Al-Assad Akademie, und von Waffendepots.

Es sollte angemerkt werden, daß die Opposition in den westlichen Stadtvierteln ursprünglich wenig Macht besaß. Andererseits waren die östlichen Stadtviertel überwiegend von der vor Kurzem zugezogenen Landbevölkerung bewohnt – von armen, konservativ denkenden Muslimen. Zur selben Zeit sind die westlichen Stadtviertel der traditionelle Wohnsitz der Einheimischen sowie der christlichen Minderheit.

Die Schlacht um Aleppo wird von allen Konfliktparteien als entscheidend betrachtet. Die Opposition plant im Fall ihres Sieges eine Basis für weitere Feindseligkeiten an der Nordwestgrenze der Türkei zu errichten. Im Gegenzug ist es das Ziel der SAA (Streitkräfte der Arabischen Republik Syrien) diesen Entwicklungen ebenso vorzubeugen, wie der türkischen Intervention zur "Stabilisierung eigener Grenzen", die eine Folge davon wäre.

Warum also dauerte die Schlacht so lange? Hierfür gibt es verschiedene Erklärungen.

1. Die urbane und industrielle Bebauung

Die Kriege des 20. Jahrhunderts haben gezeigt, daß der Häuserkampf die schwierigste Art der Kriegsführung ist. Jedes Haus oder Gebäude läßt sich in eine Festung mit Schießscharten für schwere Waffen verwandeln.

Keller sind bereits für den Schutz vor Bomben und Granaten ausgestattet. Sie können ebenso als Ruhe- und Erholungsräume genutzt werden. Zusätzlich ist ein Keller ein idealer Aufbewahrungsort für Waffen, Munition, Lebensmittel und Treibstoff. Sogar zerstörte Häuser dienen als Schutz vor dem Transport von Truppen und Waffen.

Minarette, Kirchtürme und Fabrikschlote sind für Scharfschützen sowie für die Boden- und Luftraumbeobachtung ideale Orte. Unterirdische Nachschublinien werden von allen Parteien aktiv zum Schutz ihrer Truppen und für deren plötzliches Erscheinen hinter den Frontlinien genutzt. Dicht bebaute Wohn- und Industrieviertel bereiten Schwierigkeiten bei der Zerstörung von Gebäuden und Strukturen, da es eines großen Vorrats an Munition und eine hohe Anzahl von Geschützen, oder Autobomben bedarf, um Überraschungsangriffe durchzuführen. Gepanzerten Fahrzeugen erhalten nur die Nebenrolle der Feuerunterstützung für die anrückende Infanterie, weshalb sie ihre überlegene Beweglichkeit und selbst ihre Schutzfunktion nicht nutzen können.

Der Häuserkampf schafft, wegen der Nähe zu den eigenen und feindlichen Streitkräften, Kommando- und Kontrollprobleme und macht den Erhalt einer klaren Frontlinie unmöglich. Die Gefahr des Beschusses durch eigene Truppen ist hoch. Der Häuserkampf beinhaltet plötzliche, kurze Gefechte, die die Soldaten ständigem psychologischen Streß aussetzen. Die urbane Umgebung erschwert zudem die Truppenkonzentration, gestaltet Geheimdienst- und Kommandotreffen schwieriger und behindert den Funkverkehr. Zweifelsohne ist in der Stadt die Verteidigung dem Angriff vorzuziehen.

2. Die Motivation der Konfliktparteien

Aleppo wurde in eine Festung mit Belagerern (die SAA) und Belagerten (die bewaffnete Opposition) verwandelt. Die SAA hat in den vier Kriegsjahren geblutet und benötigt neue Ausrüstung und Nachschub. Viele ihrer Verbündeten, wie die kurdischen Milizen, der IRGC (Iranische Revolutionsgarde) oder irakische Freiwillige kommen von außerhalb der Stadt, was ihren Nutzen begrenzt. Durch ihre Darstellung als einen Haufen von Kriegsverbrechern üben die Medien konstanten Druck auf die SAA aus. Viele junge Männer haben sich ihrer Mobilisierung durch die Flucht aus der Stadt entzogen und wurden zu Flüchtlingen. Auch die Milizen haben hohe Verluste erlitten und wurden vom Rest der Welt abgeschnitten, sie erhalten jedoch internationale Propagandaunterstützung. Und sie sehen, wegen der von ihnen begangenen Kriegsverbrechen, keinen Grund aufzugeben. Daher kann während des weiteren Angriffs mit mit erbitterten Gefechten gerechnet werden.

3. Das zahlenmäßige Gleichgewicht

Weder die eine noch die andere Seite ist bei der Anzahl von Truppen und Ausrüstung im Vorteil, wobei der Angreifer für einen garantierten Erfolg eine 3-fache Überlegenheit benötigt. Zudem müssen die vorrückenden Streitkräfte die befreiten Gebiete auch halten, um einen Ausbruch des Gegners zu verhindern, und die Stadt von Minen und Sprengfallen reinigen, um schwere Verluste zu vermeiden, welche die militärische Stärke der SAA noch weiter untergraben würde.


4. Ausblick

Die kürzlichen Gewinne der Syrischen Armee und ihrer Verbündeten in dem Gebiet inspirierte Unterstützer der syrischen Regierung, welche die weiteren Fortschritte der regierungsfreundlichen Streitkräfte in Ost-Aleppo und dem südwestlichen Umland der Stadt abwarten. Im Gegenzug gruppieren sich die Milizen, für neuerliche Versuche die Blockade der von ihnen kontrollierten Gebiete zu durchbrechen, um. 

Man sollte keine friedliche Lösung des Kampfes erwarten, da die Opposition nicht gewillt ist nachzugeben. So gibt es auch keinen Fortschritt an der diplomatischen Front, und die Friedensinitiativen des UN-Sicherheitsrates sind zum Stillstand gekommen.


Quelle: https://southfront.org/why-the-battle-for-aleppo-is-so-long-and-so-important/


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