Sonntag, 21. Mai 2017

Die Neokonservativen, Machiavelli und Der Fürst

Von Francesca de Bardin
Übersetzt von wunderhaft 



11. Mai 2017, Global Research

Tyrannen und Despoten haben ihre Handlungen niemals rechtfertigen müssen. Im 17. Jahrhundert, als politische Philosophen damit begonnen haben die klassische katholische Doktrin zurück zuweisen, wurde Der Fürst für relevanter gehalten. Wahrheiten sind wichtiger als Ideale.

Es ist möglicherweise kein Zufall, daß Der Fürst über 300 Jahre mißinterpretiert worden ist. Wörtlich genommen, gibt es keine bessere Rechtfertigung für Tyrannei, ob nun politischer oder wirtschaftlicher Natur, als die universelle Mißinterpretation von Niccolo Machiavellis Werk, Der Fürst. Diese kurze, dem neuen Fürsten der Medici, zwischen 1513 und 1514 entstandene, Broschüre, hebt, wörtlich genommen, die besten Praktiken zur Machterlangung und ihrer Erhaltung durch die Anwendung von Angst, Lügen und Betrug im Kleid der Menschlichkeit hervor, um die zum Erreichen persönlicher Ziele notwendigen unmoralischen Handlungen zu vertuschen. Sie nennt Caesare Borgia* als den ideal nachzuahmenden Fürsten.

Die mißverstandene, wörtliche Übersetzung von Der Fürst ist über Hunderte von Jahren von Philosophen, Politikern, Diktatoren, Akademikern und Wirtschaftsführern als Rechtfertigung zur Machterlangung und deren Ausweitung durch jedwede unmoralischen, unethischen und illegalen Maßnahmen benutzt worden. Kurz gesagt bedeutet die Doktrin der den Zweck heiligenden Mittel  – daß alles gerechtfertigt ist, was zum Erhalt des Ruhmes deines Landes oder Unternehmens notwendig ist.

Die wörtliche Interpretation von Der Fürst hat sich zu einer dauerhaften generationsübergreifenden politischen Theorie entwickelt, die, solange sie nicht als Schwindel aufgedeckt wird, bestehen bleibt.

Diese mißinterpretierte Broschüre ist so beliebt, weil sie die Politik von Theologie und Moralphilosophie befreit. Weil dem so ist, hat sie eine Rechtfertigung für trügerisches Verhalten in praktisch sämtlichen Bereichen des menschlichen Miteinander geschaffen. Millionen Männer und Frauen wurden mit dem Glauben, daß "der Zweck die Mittel heiligt", getäuscht und sind dieser "modernen politischen Philosophie" und ihren unmoralischen, unethischen sowie illegalen Prinzipien blindlings gefolgt wie einer Bibel.

"Der Prinz" widerspricht allem, was Machiavelli je geschrieben hat und allem, was wir über sein Leben sowie über seinen anderen Bücher und Schriften wissen. Basierend auf seiner Position in der Regierung und seinen dauerhaften Freundschaften war Machiavell von ganzem Herzen ein Verteidiger der florentinischen Republik. Dieser Widerspruch und das Wissen über Machiavellis Einstellungen erbringen den Nachweis, daß es sich bei Der Fürst höchstwahrscheinlich um eine Satire handelt.

Philosophen wie Jean-Jaques Rousseau, Diderot und Sir Francis Bacon haben Der Fürst als Satire interpretiert, welche die Bewohner von Florenz vor den Taktiken ihres neu ernannten Fürsten der Midici warnen sollte. Einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, John Adams, betrachtete Machiavelli als Vertreter einer Mischverfassung.

Die neokonservative politische Beweguung hat Machiavellis Bücher und im Besonderen Der Fürst zur Erreichung ihrer politischen Ziele vorsätzlich mißinterpretiert, verdreht und unterminiert.

Die konsevative politische Bewegung verdankt ihre Entstehung Irving Kristol (1920-2009), einen Journalisten, Kolumnisten und Autor, der als "Pate des neo-Konservatismus". Irving Kristol machte Ph.D. Leo Strauss (1899–1973), einen Philosophen des 20. Jahrhunderts, zu seinem philosophischen Lehrer. "Von Strauss Werk, Persecution and the Art of Writing (1952), extrahierte Kristol die Botschaft, daß Philosophen ihre gefährlichen Doktrinen vor den Massen verbergen müssten ... Philosophen bilden eine intellektuelle Elite, und stehen weit über jenen, denen es an ihrer Weisheit mangelt."1 Kristol hat eine ebensolche Faszination für Machivelli entwickelt wie Strauss. Kristol schrieb den Artikel, "Machiavelli: Men and Ideas", der in der Dezemberausgabe des Jahres 1954 im Encounter erschienen ist. http://www.unz.org/Pub/Encounter-1954dec-00047

In dem Artikel nennt er Machiavelli "Meister". aber "was er zu lehren hatte ist  bei weitem nicht klar." Im Wesentichen behandelt Kristol Machiavelli als Philosophen, der seine "gefährlichen Doktrinen" vor den Massen verbergen musste. Kristol behauptet, daß Machiavellis Ironie und Satire Techniken zum Verbergen von seinem "neuen Element im politischen Denken" gewesen sind. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Machiavelli hat Der Fürst geschrieben um die Bürger von Florenz vor den Taktiken ihres neu ernannten Diktatoren zu warnen.

Kristol schreibt auch über die "Heldenverehrung" Caesare Borgias (das Modell eines idealen Fürsten) [warum kommt mir hierbei ausgerechnet eine Null wie Martin Schulz in den Sinn? / Anm. d. Übers.]. Tatsächlich kann ausgerechnet die die Wahl Caesare Borgias (1475/76–1507) als nachzueiferndem Ideal-Fürsten nur als Satire betrachtet werden. Ein Fürst der Medici, der darin unterrichtet wurde Caesare Borgias nachzueifern, einem Ausländer, einem Spanier, einem Bastard, einen am Pranger der öffentlichen Meinung des Brudermords, der Inzucht und einer langen Reihe abscheulicher Verbrechen Verurteilten, einem Mann, der besonders in der Toskana für Verrat und Erpressung sowie schwerem Fehlverhalten gegenüber seinen Soldaten auf neutralem florentinischen Boden gehasst worden ist und einem Mann, der obendrein als Fürst ein offenkundiger und spektakulärer Fehler war. Machiavelli brachte seine Abneigung gegen Borgia in vielen seiner Werke sehr deutlich zum Ausdruck.

Mit seiner Zuordnung von Machiavellis Der Fürst in die "politische Wissenschaft" anstatt in zur Rhetorik in Form der Satire, zitiert Kristol Machiavelli:
"Es gilt als erwiesen, daß sich verwerfliche Taten durch ihre Folgen rechtfertigen lassen können." (frei übersetzt / Anm. d. Übers.)
Kristol fährt fort:
"Es ist absurd zu behaupten, daß sich verwerfliche Taten durch ihre Folgen rechtfertigen, da sie nicht "verwerflich sind" wenn sie so gerechtfertigt sind."
Diese kurze Erklärung entwickelte sich zu "Der Zweck heiligt die Mittel" und faßt zusammen, wie sich die buchstäbliche Interprätation von Der Fürst, einer Satire, zu einer dauerhaften politischen Theorie verfestigt hat. Sie wurde zur Rechtfertigung aller unmoralischen, unethischen oder illegalen Handlungen.

Leo Strauss (1899-1970) war ein in Deutschland geborener Philosoph und erhielt  seinen Doktorgrad von der Universität Hamburg.

Im Jahr 1937 zog Strauss, einem kurzen Stipendium der Columbia University folgend, in die Vereinigten Staaten und bekleidete anschließend von 1938 bis 1948 eine Stelle an der New School for Social Research ... Im Jahr 1949 erhielt Strauß eine Professur an der University of Chicago. Die Veröffentlichung von Natural Right and History (1953) brachte ihm, neben heftigen Auseinandersetzungen, dauerhaftes Ansehen ein. http://contemporarythinkers.org/leo-strauss/biography/

Seine ersten umfangreichen Studien zu Plato und Machiavelli wurden Mitte der 1940er Jahre veröffentlicht. Strauß schrieb daraufhin fünfzehn Bücher, einschließlich Gedanken über Machiavelli. Im Jahr 1958 schrieb Strauss:
Machiavelli ist der einzige politische Denker, dessen Name
wegen der Bezeichnung einer Art von Politik allgemein bekannt ist, die unabhängig von seinem Einfluß existiert und fortbestehen wird, einer Politik, die ausschließlich an der Zweckmäßigkeit zum Erreichen ihrer Ziele richtet – ihre Ziele bestehen aus der Verherrlichung von jemandes Land oder Vaterland – aber auch im Gebrauch des Vaterlandes im Dienst der Selbstverherrlichung eines Politikers oder Staatsmannes oder einer Partei.2
Unter den anderen Bewunderern und Studenten von Leo Strauss befand sich auch Paul Wolfowitz, der der Politik als stellvertretender Verteidigungsminister von 1989 bis 1993 während der Präsidentschaft von George H. W. Bush gedient hat. Das Dokument, Defense Planning Guidance*, das im Jahr 1992 von Paul Wolfowitz vorbereitet worden ist, wird von vielen als "die vollkommene Erklärung des neokonservativen Gedankens" angesehen.

C. Bradley Thompson, PhD, Koautor von Neoconservatism: An Obituary for an Idea (Neokonservatismus: Ein Nachruf auf eine Idee / Anm. d. Übers.), behauptet, daß die hauptsächliche philosophische Inspiration zum Neokonservatismus von Irving Kristol und im Besonderen von Kristols Beschäftigung mit Leo Strauss ausging.

In einem am 6. Dezember bei  Harper’s erschienenen Interview mit Scott Horton erklärt Thompson, daß Neokonservative unter dem Einfluß von Strauss die Herrschaft einer philosophisch gerissenen Elite über eine Bevölkerung verteidigen, die niemals in der Lage sein wird ihre intellektuellen Herren zu verstehen. Stattdessen wird der Pöbel in Selbstaufopferung, Kriege und Nationalismus geführt – sowie in eine Reihe religiöser und moralischer Überzeugungen, welche die Elite in keiner Weise teilt. Eine solche Doktrin, folgert Thompson, führt beunruhigender Weise in den Faschismus.

Die neokonservative "Philosophie der Regierung" ist eine Technik, die Herrschern oder potentiellen Herrschern lehrt nicht was, sondern wie in der Politik zu denken ist. Es geht um die Entwicklung pragmatischer Techniken zur Erlangung, Erhaltung und Anwendung von Macht auf bestimmten Wegen. Es geht darum seine Prinzipien durch Improvisation, Modifizierung und Adaption an sich verändernde Umstände anzupassen. Machiavellistische Klugheit muß immer über Prinzipien stehen.

In seinem Artikel, “Neoconservatism Unmasked”, schreibt Thompson:
Die Philosophie der nationalen Stärke ist auch die belebende Kraft hinter ihrer Außenpolitik. Tatsächlich ist die neokonservative Außenpolitik ein Zweig ihrer Innenpolitik. Die große Aufgabe einer Außenpolitik der nationalen Stärke besteht darin, die amerikanische Bevölkerung anzuregen ihre vulgären, invantilen und eigennützigen Interessen für die Entwicklung nationaler Projekte zu verändern. Die neokonservative Strategie einer wohlwollenden Hegemonie wird, laut William Kristol (Irvin Kristols Sohn / Anm. d. Übers.) und Robert Kagan, "der Möglichkeit des nationalen Engagements erfreuen, die Möglichkeit der nationalen Stärke umfassen und einen Sinn für das Heldenhafte wiederherstellen". Mit anderen Worten sollten die Vereinigten Staaten Krieg führen um den schleichenden Nihilismus zu bekämpfen. Nach den aufschlußreichen Worten von Kristol und Kagan, "benötigt die Remoralisierung Amerikas im eigenen Land letztlich die Remoralisierung der amerikanischen Außenpolitik". Mir dem Führen von Kriegen, um die "Demokratie" in die Fremde zu bringen, werden sowohl Wohlstand als auch Blut geopfert – das ist eine einer großen Nation angemessene Mission.
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Die Neokonservativen glauben deshalb, daß eine starke Außenpolitik – einschließlich Militärinterventionen im Ausland, Krieg, Regime Change und imperialer Herrschaft – was das amerikanische Volk politisiert und deshalb tugendhaft hält. Die Welt vor der Tyrannei zu schützen wird Amerika in die Lage versetzen sich vor ihrer eigenen inneren Korruption zu schützen. Und es geht weiter. Amerika weltweit, andauernd mit der Errichtung von Nationen zu beschäftigen wird neokonservativen Herrschern die Möglichkeit geben ihre eigenen staatsmännischen Tugenden zu praktizieren. Es kann keine Staatskunst ohne Politik geben, und es kann keine edelmütige Staatskunst ohne Krieg geben, weshalb die Neokonservativen moralische Prinzipien verabscheuen, die ihnen dieses Ventil verweigern. Andauernde Krieg, eine Politik der wohlwollenden Hegemonie und die Errichtung eines republikanischen Imperiums bedeuten, daß es immer die Notwendigkeit für Politik und Staatskunst geben wird.

Unter den anderen Bewunderern und Studenten von Leo Strauss befand sich Paul Wolfowitz, der der Politik als stellvertretender Verteidigungsminister von 1989 bis 1993 während der Präsidentschaft von George H. W. Bush gedient hat. Das Dokument, Defense Planning Guidance*, das im Jahr 1992 von Paul Wolfowitz vorbereitet worden ist, wird von vielen als "die vollkommene Erklärung des neokonservativen Gedankens" angesehen.

"Unser oberstes Ziel besteht darin dem Wiederauferstehen eines neuen Rivalen, der eine Bedrohung ähnlich der der früheren Sowjetunion darstellt, vorzubeugen, sei es auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion oder anderswo. Dies ist die herrschende Betrachtungsweise bezüglich der neuen regionalen Verteidigungsstrategie, was bedeutet, daß wir danach streben jede feindliche Macht davon abzuhalten über eine Region zu herrschen, deren Ressourcen, unter gemeinschaftlicher Kontrolle zur Machterlangung ausreichen würden." http://www.pbs.org/wgbh/pages/frontline/shows/iraq/etc/wolf.html>

Viele Historiker versuchen derzeit die Reputation von Niccolo Machiavelli zu hinterfragen. Es handelt sich hierbei um Experten für Sprachwissenschaften, rhetorische Stilrichtungen der Renaissance und für Politik.

Quellenangaben:

[1] David Gordon, “Neoconservatism Taken Down” [Review of Neoconservatism: Obituary for an Idea]. MISIS Daily 16 Sept. 2011.

[2] Leo Strauss, “Niccolo Machiavelli,” History of Political Philosophy, 3d ed. (Chicago: University of Chicago Press, 1987), 297.

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Francesca de Bardin hat sich über 25 Jahre mit dem Studium der Geo-Strategie und dem weltweiten Einfluß von Kolonialismus und Globalisierung beschäftigt. Sie kommt zu dem Schluß, daß viele maskuline Schlüsselwerte, die unsere Zivilisation vorangebracht haben, nun schädlich geworden sind. Der Planet ist aus dem Gleichgewicht geraten und weibliche Werte müssen weltweit in unsere Organisationsstrukturen aufgenommen werden. Sie schreibt und spricht über weibliche Werte und Führung. Für den Erhalt eines Artikels, der Machiavellis Leben und Werk analysiert, kontaktieren Sie die Autorin unter Francesca(at)FrancescadeBardin.com



Quelle: http://www.globalresearch.ca/neoconservatives-machiavelli-and-the-prince/5589663

Zuletzt editiert: 22. Mai 2017, 07:41 Uhr

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