Sonntag, 25. März 2018

Militärische Siege und die Diplomatie der Türkei. Was künftig zu erwarten ist / Anmerkung

Von SouthFront
Übersetzt von wunderhaft

 
[Anm. der Redaktion: Dieser kurze Beitrag ist sowohl äußerst aktuell und interessant als auch ein Beweis dafür, wie hochwertig und zutreffend die hier seit Jahren veröffentlichten Analysen sind. Und noch etwas: Während diese Übersetzung, bis zum 25.03.2018 um 22:30 Uhr, hier 95-mal gelesen wurde, ist sie bei SouthFront bereits 235-mal aufgerufen worden, ohne dort, anders als hier, von Agenturen verlinkt worden zu sein. Denken Sie einfach mal darüber nach. A.]




24. März 2018, SouthFront
In den vergangenen Tagen hat die Türkei den eindrucksvollsten Sieg seit dem Griechisch-Türkischen Krieg* von 1919-1922 errungen. Am 18 März haben die Türkischen Streitkräfte (TAF) und die Freie Syrische Armee (FSA), nach einer zweimonatigen Militäroperation im Nordwesten Syriens, die von den Kurdischen Volksverteidigungseinheiten besetzte Stadt Afrin erobert. Der "Operation Olivenzweig" genannte Vorstoß fand in den über ihn in heroischen Worten berichtenden türkischen Medien umfangreiche Beachtung und hat das Land in einen patriotischen Taumel gestürzt.

Während des gesamten Jahres 2017 haben die türkischen Medien und die Behörden eine umfangreich Propagandakampagne durchgeführt, die das Militär unterstützt und Bürger zum Wehrdienst ermutigt hat. Einige ausländische Besucher des Landes haben während dieses Zeitraums von Flugblättern in kommunalen Transportmitteln berichtet, welche das Ideal, Märtyrer zu werden und die Interessen der Landes und der Nation zu verteidigen, beworben haben.

Die türkische Politik ist berüchtigt für ihre Flexibilität, die Fähigkeit ihre Prioritäten und Verbündeten schnell und unvorhersehbar zu wechseln. Laut verschiedener Berichte wurde der militärische Sieg der Türkei in Afrin durch ein Abkommen zwischen der türkischen Führung und der Regierung Donald Trumps ermöglicht. In den vergangenen Monaten war jeweils mindestens ein stellvertretender türkischer Außenminister zu Verhandlungen in den VS und zumindest einmal waren sie alle dort.

Währenddessen war Ankara an einem erfolgreichen politischen Dialog mit Moskau beteiligt, was Rußland daran gehindert hat deren Pläne zu beeinflussen oder die syrischen Kurden zu unterstützen. Gleichwohl war das VS-türkische Hinterzimmergeschäft der Hauptfaktor für den Erfolg in Afrin.

Die Vereinigten Staaten haben aufgehört die kurdischen Milizen in Nordwestsyrien zu unterstützen und haben die kurdische Führung im Rest der so genannten Rojava unter Druck gesetzt, was die geringe Chance, daß die YPG, die in den Mainstream Medien als SDF* bekannt sind, eine neue Front gegen die türkischen Streitkräfte eröffnet haben. Das Resultat war, daß die YPG ihre Hochburg, Afrin, aufgegeben habt, fast ohne auch nur einen einzigen Schuß abgegeben zu haben.

Die Anzahl und Arten von Waffen und Munition, welche von der TAF und der FSA in der Stadt erbeutet worden sind, beweisen, daß die YPG in Afrin militärische Ausrüstung sowohl von dem so genannten VS-geführten- als auch von dem russischen Block erhalten hat. Während die Details dieses Spiels hinter den Kulissen noch aufgedeckt werden muß, haben die jüngsten Entwicklungen, auf alle Fälle, zu dem militärischen und diplomatischen Erfolg des türkischen Militärs geführt.

Die Türkei hat, fast unmittelbar nach dem Fall Afrins, mit einer Annäherung an die VS-amerikanische in ihrer Außenpolitik begonnen. Sie hat die YPG im Nordwesten Syriens ausgelöscht und muß über diese Angelegenheit daher nicht länger zwischen den um russische und VS-amerikanische Interessen herum manövrieren. Zur selben Zeit sind Ankaras Ausdehnungsambitionen immer noch auf dem Tisch. Das Erdogan-Regime wird versuchen den Norden und Nordwesten Syriens zu annektieren, indem es einen Scheinstaat oder eine autonom regierte Region durch seine Stellvertreter errichten läßt. Die syrische Regierung, Iran und Rußland werden dies nicht hinnehmen können. In dieser Hinsicht werden die VS in der nahen Zukunft zu einem organischen Verbündeten der Türkei im nördlichen Syrien.

Obwohl die Tiefe der möglichen VS-türkischen Zusammenarbeit von vielen Faktoren abhängen wird, ist einer davon die weitere Zukunft Manbijs. Die Stadt wird derzeit durch die SDF kontrolliert, die zum größten Teil aus von den VS unterstützten Einheiten der YPG besteht. Ankara versucht die YPG aus der Stadt und ihrer Umgebung mit militärischer Gewalt zu vertreiben. Allerdings wird dies durch VS-Truppen verhindert, die in Manbij stationiert sind und in den von der SDF gehaltenen Regionen entlang der syrisch-türkischen Grenze patrouillieren.

"Das ist lustig, weil bisher keine Vereinbarung geschlossen worden ist", sagte die Sprecherin des VS-Außenministeriums, Heather Nauert, gegenüber Journalisten, als sie am 20. März die Erklärung des Sprechers der türkischen Präsidenten kommentierte, nach der beide Seiten bereits eine Vereinbarung über die Stadt getroffen hätten.

Die veränderte türkische Haltung gegenüber Rußland wird aus deren außenpolitischer Rhetorik deutlich. Am 16. März gab das Außenministerium des Landes eine offizielle Erklärung heraus, in der das Referendum auf der Krim aus dem Jahr 2014 als illegitim bezeichnet worden ist.

Andererseits versucht Ankara  zumindest neutrale Beziehungen gegenüber Rußland aufrecht zu erhalten die ökonomische Zusammenarbeit mit ihr weiterzuentwickeln. Die TurkStream Pileline ist ein strategisch wichtiges Projekt für die türkische Führung, weil es ihr erlaubt Kontrolle über den Transit von Erdgas nach Südeuropa zu erhalten.

In den kommenden Monaten wird die Türkei damit fortfahren sowohl ihren politischen und militärischen Einfluß in der Region zu erhöhen als auch ihre außenpolitischen Aktivitäten weiterzuentwickeln. Wenn Ankara dies gelingt, werden andere regionale Mächte sich zusätzlichen Risiken gegenübersehen, die auf dem traditionellen pan-türkischen Expansionismus beruhen, der immer dann entsteht, wenn die Türkei ihre militärische und politische Macht festigt.

Währenddessen verfolgt die Türkei folgende Ziele:
  • Die Festigung und Ausweitung der von ihr sowohl im Nordosten und Nordwesten Syriens als auch im Nordirak eroberten Gebiete.
  • Ihre, möglicherweise unter dem Vorwand militärischer Bemühungen gegen die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) in Sindschar* durchgeführte, territoriale Ausweitung im Nordirak. Die Militärpräsenz in ihren Nachbarländern wir die Türkei öffentlich mit der Notwendigkeit der Errichtung von so genannten "Sicherheitszonen" zur "Terrorbekämpfung" rechtfertigen.
  • Die Śtärkung ihrer Position in der so genannten Zypernfrage*. Nordzypern ist ein selbsternannter Staat, der den nördlichen Teil der Insel besetzt und ausschließlich von der Türkei anerkannt wird. Die Türkei unterhält dort ein beachtliches Militäraufgebot.
  • Die Stärkung des Einflusses im Ägäischen Meer.
  • Die Ausweitung ihres kulturellen und politischen Einflusses in den Turk-Staaten Zentralasiens und die Wiederherstellung ihres verstohlenen Einflusses in den russischen Regionen der Turkvölker.

Quelle: https://southfront.org/victories-and-diplomacy-of-turkey-what-to-expect-next/

Alle mit einem * versehenen Links wurden zusätzlich eingefügt.


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