Freitag, 25. Mai 2018

Wie Großbritannien den Nahen Osten zerstückelt und zur Gründung Saudi-Arabiens beigetragen hat

Von Mark Curtis
Übersetzt von wunderhaft


Dies ist ein bearbeiteter Auszug aus dem Buch, "Secret Affairs: Britain’s Collusion with Radical Islam"


2. November 2016, Mark Curtis
Die britische Strategie der kolonialen Teilung und Herrschaft und das Vertrauen auf muslimische Kräfte zur Förderung imperialer Interessen im Nahen Osten hatte ihren Höhepunkt während und nach dem 1. Weltkrieg erreicht. Über die Zerstückelung der Region durch britische und französische Bedienstete gibt es endlose Berichte – wesentlich seltener finden sich Berichte über die traditionsreiche ´Verwendung´ des Islams, die damals eine neue Richtung nahm. Der Nahe Osten ist von britischen Planern als sowohl aus strategischen als auch aus kommerziellen Gründen als wesentlich betrachtet worden. Strategisch waren die islamischen Territorien wichtige Puffer gegen die russische Expansion in Richtung des Landwegs des Empires von Britisch-Indien* in das britisch kontrollierte Ägypten. Jedoch sind, mit der Gründung der Anglo–Iranian Oil Corporation in Persien im Jahr 1908, der kurz darauf erfolgten Entdeckung von Erdöl im Irak und seiner zunehmend wichtigen Rolle bei der Stärkung des Militärs im 1. Weltkrieg, auch Erdölinteressen hinzu gekommen. Die britischen Planer betrachteten die Kontrolle über das irakische und persische Öl als "ein vorrangiges Kriegsziel für Großbritannien", sagte der Sekretär des Kriegskabinetts, Sir Maurice Hankey*, gegen Ende des Krieges. Im November 1918 schrieb der Generalstab in Bagdad, daß  "Erdöl die künftige Macht in der Welt sein wird".

Seit dem 16. Jahrhundert hat die britische Außenpolitik das Osmanische Reich der muslimischen Türken, die größte und mächtigste muslimische Instanz der Welt, unterstützt, die im 17. Jahrhundert auf ihrem Höhepunkt war und sich über Nordafrika, Südosteuropa und einen großen Teil des Nahen Ostens erstreckt hat. Britannien war verpflichtet die "osmanische Integrität" gegen imperialistische Pläne Rußlands und Frankreichs zu verteidigen, was die de facto Unterstützung des Türkischen Kalifats beinhaltet hat – der Behauptung des osmanischen Sultans, der Anführer der ummah, der muslimischen Weltgemeinschaft, zu sein. Nachdem Britannien Indien erbeutet hatte, ist das Osmanische Reich als bequemer Puffer betrachtet worden, um Rivalen außerhalb der militärischen- und der Handelsrouten auf dem Weg zum Juwel der Krone zu halten. London stelle sich selbst als Retter des türkischen Sultans das: Im Krimkrieg von 1854-56, einem der blutigsten Konflikte in der Geschichte des modernen Europas. Die "Ost-Frage" – der imperialistische Kampf um Kontrolle in den von dem untergehenden Osmanischen Reich* dominierten Länder  – ein Prozeß in dem Britannien im Wesentlichen versucht hat das letzte große muslimische Imperium gegen seine großen Machtrivalen zu stärken. Zu der Zeit, in der die osmanische Türkei die schicksalhafte Entscheidung getroffen hat, sich im 1. Weltkrieg an die Seite Deutschlands zu stellen, war sie bereits eine untergehende Macht, die jedoch immer noch einen großen Teil des Nahen Ostens kontrolliert hat, einschließlich dem heutigen Syrien, Irak, Jordanien und Palästina, über die es 400 Jahre beherrscht hat. Nach ihrer Niederlage sind die europäischen Mächte, angeführt von den Briten, über ihren Kadaver hergefallen und haben ihn unter sich aufgeteilt.

Während des 1. Weltkrieg hatte Britannien an die Araber im Nahen Osten appelliert ihm beim Sturz der osmanischen Herrschaft über ihre Territorien, im Gegenzug für britische Garantien für den Schutz ihrer Unabhängigkeit in der Nachkriegszeit, beizutreten. In ihrer Proklamation "an die Ureinwohner von Arabien, Palästina, Syrien und Mesopotamien" hat die britische Regierung im Jahr 1914 erklärt:
"Eine der fundamentalen Traditionen (der Regierung) ist Freundschaft mit dem Islam und den Muslums zu pflegen [sic], selbst wenn es sich um ein islamisches Kalifat der Unterwerfung und Unumgänglichkeit handelte, wie das türkische Kalifat, daß England verschiedene Male mit Geld, Männern und Einfluß unterstützt hat ... Es gibt keine Nation unter den Muslums, die derzeit in der Lage ist das Islamische Kalifat aufrechtzuerhalten, außer die Arabische Nation und kein Land paßt besser auf diesen Stuhl als die arabischen Länder.
Im Mai 1915 hatte Britannien dem "arabischen Volk" ebenfalls erklärt, daß "die Religion des Islam, wie die Geschichte beweist, von der englischen Regierung immer höchst penibel respektiert worden ist", und daß, obwohl der der türkische Sultan zu einem Gegner geworden ist, "unsere Politik des Respekts und der Freundlichkeit gegenüber dem Islam unverändert bleibt".

Es ist viel über die "Arabische Revole*" gegen die türkische Herrschaft geschrieben worden, einschließlich der romantisierten Heldentaten des Lawrence von Arabien und Britanniens anschließenden Betrug an ihren "Unabhängigkeitsgarantien" für die Araber. Diese Garantien haben den Briten nicht die Garantie einer arabischen nationalen Souveränität, sondern die Erlaubnis der Präsenz von ausschließlich britischen Beratern zur Verwaltung der arabischen Länder bedeutet, die zu britischen "Protektoraten" werden sollten. Ein auffälliger Aspekt des Aufrufs an die Araber war Britanniens Appell in ihrem Versprechen an den damaligen Herrscher oder Scharif* der heiligen Stadt Mekka, Hussein ibn Ali*. Hussein, dessen Autorität und Position sich von seiner mutmaßlichen Abstammung von Mohammed hergeleitet hat, war einverstanden die Arabische Revolte anzuführen, im Gegenzug für seine Anerkennung als Herrscher des riesigen Territoriums, das sich vom heutigen Syrien bis zum Jemen und somit auch über das moderne Saudi-Arabien erstreckt, durch die Briten. Im Jahr 1914 schrieb die britische Regierung an Hussein und erklärte:
"Wenn der Emir [sprich, Hussein] ... und die Araber im Allgemeinen Großbritannien in diesem Konflikt, der uns von der Türkei aufgezwungen worden ist, zu unterstützen, wird Großbritannien versprechen auf keinerlei Art weder in religiösen oder anderen Belangen zu intervenieren ... Bis jetzt haben wir den Islam, vertreten durch die Türken, hilfreich unterstützt: Fortan wird das für die erlauchten Araber gelten. Möge ein Araber von wahrer arabischer Herkunft das Kalifat in Mekka oder Medina übernehmen, auf das mit Gottes Hilfe Gutes hervorgehen mag aus all dem Bösen, daß sich derzeit ereignet."
Dieser letzte, folgenreiche Satz war das Versprechen der Briten dabei zu helfen das Islamische Kalifat wiederherzustellen und Sherif Hussein als neuen Kalifen und den Nachfolger des türkischen Sultans anzuerkennen. Es war Medina, im heutigen Saudi-Arabien, das zur ersten Hauptstadt des Kalifats, nach dem Tod Mohammeds im siebten Jahrhundert wurde, und das anschließend zahlreiche Dynastien, zuletzt die Osmanen für sich beansprucht hatten. London hatte Hussein versprochen, daß Britannien "die Sicherheit der Heiligen Stätten [in Mekka und Medina] gegen sämtliche externen Angriffe garantieren und ihre Unverletzlichkeit anerkennen wird." Lord Kitchener*, der damalige britische Kriegsminister, notierte im März 1915, "wenn das Kalifat nach Arabien transferiert würde, bliebe unser Einfluß weitgehend erhalten." Die Küste der Arabischen Halbinsel ließe  sich leicht von der britischen Marine kontrollieren. Beim Eintreten für ein Arabisches Königreich unter britischer Schirmherrschaft, würde Britannien von ihrer Vorherrschaft über die spirituelle Führung der muslimischen Welt Gebrauch machen. Tatsächlich hat Britannien dem Islam dabei geholfen seine Wurzeln zurückzuerobern und zu seinen Ursprüngen zurückzukehren.

Allerdings haben einige britische Bedienstete während und nach dem Krieg auch befürchtet, daß das Kalifat als Sammelplatz für anti-kolonialistische Bewegungen genutzt werden könnte, um die britische Herrschaft in Indien und Ägypten zu unterwandern. Besonders besorgt hat sie die Möglichkeit eines heiligen Krieges gegen Britannien, den der türkische Sultan beim Eintritt in den Ersten Weltkrieg proklamiert hatte. In seiner Analyse des Ersten Weltkriegs hat David Fromkin angemerkt, daß die britischen Führer geglaubt hatten, daß der Islam sich durch Bestechung oder Vereinnahmung seiner religiösen Führer manipulieren ließe. Sie hatten, in Kürze, geglaubt, daß wer auch immer die Kontrolle über die Person des Kalifen hatte, auch den sunnitischen Islam kontrollieren würde.

Scharif Hussein trat in der Revolte gegen das Osmanische Reich im Juni 1916 in Erscheinung, als er eine kleine arabische Truppe von einigen tausenden Männern rekrutiert hatte, um im Hedschas* der westlichen Küstenregion Arabiens zu kämpfen, in der die Städte Dschiddah, Mekka und Medina liegen. Die Autorin, Gerturde Bell, die im Empire zur Architektin des Iraks werden sollte, hat angemerkt, daß die Kämpfe in Mekka "die Revolte in den Heiligen Stätten zu einem unermeßlichen moralischen und politischen Gewinn machen".

Allerdings erzielte Hussein mit der Revolte nur geringe Gewinne über die osmanische Armee und scheiterte daran Menschen in allen Teilen der Arabischen Welt zu mobilisieren, obwohl er von den Briten mit £11 Millionen Pfund Sterling (der heutige Wert von etwa400 Millionen) gefördert worden ist. Einer der britischen Offiziere, die Hussein bei der Revolte beraten haben war Colonel T.E. Lawrence "von Arabien", ein Helfer Faisals, Scharif Husseins Sohn, der zum Kommandeur über des Letzteren Streitkräfte ernannt worden war.

Einen Monat bevor die Arabische Revolte ausbrach, hatten Britannien und Frankreich in dem Sykes-Picot Abkommen, das nach den jeweiligen Außenministern benannt worden war, insgeheim vereinbart den Nahen Osten in Einflußgebiete zwischen ihnen aufzuteilen. Diese Preisgabe der Verpflichtung zur osmanischen territorialen Integrität – durch den Sturz einer tragenden Säule der britischen Außenpolitik – wurde von britischen Bediensteten offen heraus erklärt. Lawrence, der vermeintliche "Befreier" der Arabischen Welt, schrieb im Januar in eine Geheimdienstnotiz, in der er erklärte, daß die Arabische Revolte:
"zu nutzen vorteilhaft war, da sie mit unseren unmittelbaren Zielen einhergeht, dem Auseinanderbrechen des islamischen "Blocks" sowie der Niederschlagung und des Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs, und weil die Staaten die [von Hussein] errichtet worden sind, um Nachfolger der Türken zu werden, ... für uns selbst harmlos sind ... Die Araber sind sogar noch weniger standhaft als die Türken. Bei angemessenem Umgang sollten sie in einem politischen Mosaik verbleiben, ein Gewebe aus kleinen eifersüchtigen, zum Zusammenhalt unfähigen Fürstentümern."
Nach dem Krieg schrieb Lawrence einen Bericht für das britische Kabinett mit dem Titel, "Der Wiederaufbau von Arabien", in dem er behauptete, daß es für die Briten und ihre Verbündeten vorrangig wäre einen muslimischen Führer zu finden, der sich, im Namen des Kalifen, dem versuchten Jihad des Osmanischen Reiches entgegensetzen könne.
"Als der Krieg ausbrach, entstand die dringende Notwendigkeit den Islam zu spalten, und wir haben uns damit abgefunden eher nach Verbündeten als nach Untergebenen zu suchen ... Wir hatten gehofft die derzeitige und künftige Flanke jeglicher ausländischen Macht mit Plänen für die drei Flüsse [Irak] durch die Erschaffung eines Kreises von Satellitenstaaten, die ihrerseits auf unsere Unterstützung bestanden haben, umzukehren. Aus kriegerischer Sicht war das größte Hindernis für jede arabische Bewegung, ihre Eigenschaft in Friedenszeiten – die mangelnde Solidarität unter den zahlreichen arabischen Bewegungen ... Der Scharif [Hussein] ist letztlich wegen des Risses ausgewählt worden, den er innerhalb des Islams erschaffen würde."
Die Vorteile der Spaltung im Nahen Osten – ein Kernpunkt in all diesen Dokumenten – wurde auch vom Außenministerium der britischen Regierung in Indien anerkannt: "Was wir wollen", erklärte es, "ist kein vereintes Arabien, sondern ein schwaches und uneiniges Arabien, das soweit wie möglich und unter unserer Oberhoheit in kleine Fürstentümer aufgespalten, aber unfähig zu jedem koordinierten Vorgehen gegen uns ist und so einen Puffer gegen die Mächte im Westen bildet."


Die Geburt der britisch-saudischen Allianz

Im Anschluß an die Arabische Revolte im Jahr 1916 und an die britische Niederlage über die türkischen Armeen* in der gesamten Region, hat der Herrscher der heiligen Stadt Mekka, Hussein ibn Ali, sich selbst zum König über sämtliche arabischen Länder, einschließlich des arabischen Hedschas erklärt, jedoch war die britische Regierung nur dazu bereit seine Kontrolle über ausschließlich Letzteren anzuerkennen.

Anschließend entspann sich zwischen Hussein und einem anderen britischen Günstling, Abd al-Aziz ibn Saud*, einem Emir mit aufsteigender Macht in Zenral-Arabien, dessen Truppen die Region, Nadschd*, mitsamt deren Hauptstadt, Riad, erobert hatten, ein Streit über die weitere Zukunft Arabiens. Britische Bedienstete waren gespaltener Meinung, wer zum Anführer der Revolte gegen die Türken zu küren war – Britanniens Regierung von Indien hatte Sorgen vor der britischen Förderung eines die gesamte muslimische Welt anführenden Kalifen und der hierdurch entstehenden Wirkung auf indische Muslime und hat aus diesem Grund Ibn Saud favorisiert, dessen Ansprüche sich auf Arabien beschränkt haben.

Im Gegensatz zu Husseins orthodoxem Sunnismus, setzte der künftige Führer Saudi-Arabiens auf eine ultra-konservative, als Wahhabismus* bekannte Erweckungsbewegung, die sich zu den Grundsätzen des Islam bekannte und im 18. Jahrhundert auf Grund der Lehren des im Jahre 1703 geborenen, Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb*, entwickelt worden war. Ibn Sauds Streitkräfte waren die Ichwān*, oder Bruderschaft, eine Miliz aus beduinischen Stammesangehörigen, die von religiösen Lehrern instruiert wurden, welche sich zur Veredlung des Islam und einer auf striktem islamischen Gesetz beruhenden Regierung bekannten.

Die Briten hatten bereits im Ersten Weltkrieg Waffen und Geld an Ibn Saud geliefert und im Jahr 1915 einen Vertrag mit ihm unterzeichnet sowie ihn zum Herrscher unter britischem Schutz über die Provinz Nadschd ernannt. Am Ende des Krieges erhielt er britische Unterstützung von monatlich £5,000 Pfund Sterling – erheblich weniger als die monatlichen £12,000 Pfund , mit denen Hussein unterstützt worden ist, dem die britische Regierung zunächst noch den Vorzug gab. Daß einige britische Bedienstete während des Krieges ihre strategischen Hoffnungen auf Ibn Saud gesetzt haben, beweist ein Memorandum eines britischen Soldaten über die "mohammedanische Frage" , eines Captain Bray, aus dem Jahr 1917:
"Zum jetzigen Zeitpunkt herrscht intensive Agitation in allen mohammedanischen Ländern ... Die Berichte von Agenten und anderen bestätigen ... die extreme Vitalität der Bewegung [des Pan-Islamismus] ... Es ist ... wesentlich, daß nicht Afghanistan das Land ist, auf das Mohammedaner blicken sollten ... Wir sollten daher einen uns gefälligeren Staat erschaffen, auf den sich die Aufmerksamkeit des Islams richtet. In Arabien haben wir Gelegenheit dazu".
Im Jahr 1919 setzte London im Hedschas Flugzeuge zur Unterstützung von Husseins Konfrontation mit Ibn Saud ein. Es war von geringem Nutzen: Nach dem Übereinkommen über eine temporäre Waffenruhe im Jahr 1920, machten Ibn Sauds 150.000 Mann starke Ichwān unermüdliche Fortschritte und hatten bis Mitte 1920 die Kontrolle über Arabien, einschließlich des Hedschas und der Heiligen Stätten erlangt und Hussein beim Kampf um die Vorherrschaft in der Region besiegt. Ibn Saud hat ´Saudi´-Arabien in einer Mord-Orgie errichtet. In seiner Enthüllung über die Korruption der saudischen Herrscherfamilie beschreibt Said Aburisch Ibn Saud als einen seine Feinde terrorisierenden und gnadenlos abschlachtenden "Wüstling und blutrünstigen Autokraten ... dessen Brutalität in ganz Arabien verheerenden Schaden angerichtet hat". Die Unterwerfung Arabiens hat etwa 400.000 Menschen das Leben gekostet, da Sauds Truppen keine Gefangenen gemacht haben. Über eine Million Menschen sind in benachbarte Staaten geflohen. In der Folge haben zahlreiche Aufstände stattgefunden die alle mit "Massenmorden an größtenteils unschuldigen Opfern, einschließlich an Frauen und Kindern" niedergeschlagen worden sind. In der Mitte des Jahres 1920 war der Großteil Arabiens unterworfen. 40.000 Menschen sind öffentlich hingerichtet worden und etwa 35.000 wurden Gliedmaßen amputiert. Das Territorium wurde in Distrikte unter der Kontrolle von Sauds Familienangehörigen aufgeteilt – eine Situation die weitgehend bis heute fortbesteht.

Die Briten haben Ibn Sauds Kontrolle über Arabien anerkannt und seine finanzielle Unterstützung ist im Jahr 1922 vom damaligen Kolonialminister, Winston Churchill*, auf  £100,000 Pfund Sterling jährlich angehoben worden. Zur selben Zeit hat Churchill Ibn Sauds Wahhabismus als der heutigen Taliban ähnlich beschrieben und berichtete dem britischen Unterhaus im Juli 1921, daß sie "streng, intolerant, gut bewaffnet und blutrünstig" waren, und daß "sie es für eine Pflicht und einen Akt des Glaubens hielten, alle zu töten, die nicht ihrer Meinung sind und deren Frauen und Kinder zu ihren Sklaven zu machen. In wahhabitischen Dörfern sind Frauen dafür gesteinigt worden einfach auf die Straße zu gehen. Es ist eine Straftat ein seidenes Kleid zu tragen. Männer sind getötet worden, weil sie eine Zigarette geraucht haben." Auch schrieb Churchill später, daß "meine Bewunderung für ihn [Ibn Saud], wegen seiner unfehlbaren Loyalität zu uns, tief gewesen ist" und daß die britische Regierung sich daran machen sollte den Zugriff auf seine Loyalität zu festigen.

Im Jahr 1917 hatte London Harry St John Philby – den Vater des späteren Doppelagenten, Kim*,  – nach Saudi-Arabien entsandt, wo er bis zum Tod von Ibn Saud im Jahr 1953 geblieben ist. Philbys Rolle hat darin bestanden "mit dem britischen Außenministerium über Mittel und Wege zu beraten, "die Herrschaft über Ibn Saud zu festigen und den Einfluß auf ihn zu erhöhen." In einem Vertrag aus dem Jahr 1927 wurde die Kontrolle über die Außenpolitik des Landes an Britannien übergeben. Als Teile der Ichwān, die sich der Anwesenheit der Briten widersetzt haben, im Jahr 1929 rebellierten, forderte Ibn Saud britische Unterstützung an. Die RAF und Truppen aus dem britisch kontrollierten Nachbarland, Irak, wurden verlegt und die Rebellion im folgenden Jahr niedergeschlagen. Ibn Saud hat die persönliche Unterstützung der Briten für ihn, besonders während des Aufstands, sehr geschätzt, und das hat den Weg für die Entwicklung von Beziehungen zwischen dem saudischen Königshaus und dem Westen geebnet, die zum Kern der saudischen Außenpolitik geworden sind.

Nach der Konsolidierung des saudisch-britischen Bündnisses wies Ibn Saud den Ichwān die Rolle der Erziehung und Überwachung der öffentlichen Moral zu. Aber die Macht des Wahhabismus hatte die Beduinen bereits zu Mudschaheddin – zu heiligen Kriegern – werden lassen, deren Treue zur ummah zur Stammeszugehörigkeit transzendiert war. In den folgenden Jahrzehnten sollte die Eroberung der arabischen Halbinsel mit dem Schwert und dem Koran regelmäßig in der saudi-arabischen Lehre beschworen werden. Offiziell im Jahr 1932 ausgerufen und eine zu großen Teilen britische Schöpfung, sollte Saudi-Arabien zu der Welt größtem Propagandisten des fundamentalistischen  Islam und dem sowohl ideologischem als auch finanziellen Zentrum des weltweiten Djihadismus werden. Tatsächlich ist der saudische Wahhabismus als "Gründungsideologie"des modernen Djihad bezeichnet worden.

Der neue Staat, Saudi-Arabien, und seine regionale Autorität untermauert von einem religiösen Fundamentalismus, hat Britannien einen festen Stand in der islamischen Welt sowie in Mekka und Medina verschafft. Oder weiter gefaßt, Britannien hat sein Ziel, der Erschaffung "eines gespaltenen Nahen Osten sowie einen Kreis von Satellitenstaaten" die aus der Asche des Osmanischen Reichs hervorgegangen sind, erreicht. Die Saudi-Arabien umgebenden Golf-Staaten,Aden, Barhain und Oman waren von britischem Militärschutz untermauerte feudal strukturierte Regime. Mittlerweile hat Britannien seine weiteren potentiellen Klienten weiterhin ausgenutzt: Faisal*, der mit den Alliierten im Jahr 1921 Damaskus erobert hatte, wurde im Jahr 1921 zum König des Irak, und Abdullah*, Scharif Husseins anderer Sohn, wurde im Jahr zum König von Transjordanien ernannt, dem 1923 die Unabhängigkeit unter britischem Protektorat zuerkannt worden ist. Schließlich gab es noch Palästina, das gegen Ende des Krieges ebenfalls durch britische Truppen eingenommen worden war. Hier allerdings war Britannien verpflichtet etwas zu schaffen, das vom damaligen Außenminister, Arthur Balfour*, im Jahr 1717 als "nationale Heimstätte" für die Juden umrissen worden ist. Im April 1920 übergab der gerade neu gegründete Völkerbund Großbritannien formell das Mandat zur Verwaltung Palästinas an Großbritannien.

Balfour hatte auch gesagt, daß, was Britannien in den ersten Jahren des 20.Jahrhunderts benötigt hat, war "die praktizierte absolute wirtschaftliche und politische Kontrolle ... in freundlicher und unaufdringlicher Zusammenarbeit mit den Arabern, die jedoch nichtsdestotrotz in letzter Instanz durchzusetzen war". Die Regime, die Britannien erschaffen hatte, sind Marionetten gewesen, Regierungen für die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung, die hauptsächlich mit den traditionellen im Islam herrschenden Klassen verbündet waren. Im Gegenzug haben diese bevorzugten Sultane, Emire und Monarchen die britische Herrschaft als bereitgestellten Schutz vor den Gefahren der Instabilität oder emanzipatorischer, nationalistischer Bewegungen betrachtet, die insbesondere im Irak, angefangen hatten zu keimen.

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Mark Curtis ist Autor und Referent. Er war wissenschaftlicher Mitatbeiter am Royal Institute of International Affairs (Chatham House) und ehrenamtlicher Forschungsmitarbeiter an der University of Strathclyde sowie Gastwissenschaftler am Institut Francais des Relations Internationales, Paris und der Deutschen Gesellschaft fur Auswärtige Politik in Bonn.

Auch hat Mark mehr als 25 Jahre über Fragen zur internationalen Entwicklung gearbeitet und betreibt ein Beratungsunternehmen, das mit progressiven NGOs zusammenarbeitet und diese unterstützt – Curtis Research. In dieser Funktion hat Mark mehr als 100 Berichte zu Fragen, wie Ernährung und Landwirtschaft, Bergbau, Steuern, Unternehmen und Handel verfaßt. Hierzu besuchen sie bitte curtisresearch.org.

Mark ist ein ehemaliger Direktor des World Development Movement (nun Global Justice Now), Kopf von Global Advocacy and Policy at Christian Aid sowie von Policy at ActionAid. Er ist Absolvent des Goldsmiths’ College, der University of London und der London School of Economics and Political Science.


Quelle: http://markcurtis.info/2016/11/02/how-britain-carved-up-the-middle-east-and-helped-create-saudi-arabia/

Zuletzt editiert: 25. Mai 2018, 23:40 Uhr

Sämtliche mit einem * versehenen Links wurden vom Übersetzer zusätzlich eingefügt


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