Donnerstag, 25. Oktober 2018

Warum der Holocaust-Unterricht scheitert

Von Gilad Atzmon
Übersetzt von wunderhaft



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17. Oktober 2018, Gilad Atzmon
Trotz der hohen Summen, die in den Holocaust-Unterricht investiert werden und trotz der Tatsache, daß der Holocaust das einzige verpflichtende Fach im Curiculum des britischen Geschichtsunterrichts ist, scheinen britische Schüler die Botschaft des strengenThemas nicht zu beachten. Aus verschiedenen Gründen haben sie Schwierigkeiten an das Primat des jüdischen Leides zu glauben. Der gestrige Artikel des Tablet Magazines, “The Failure of Holocaust Education in Britain”, hat zu einem unbeholfenen Versuch geführt, den Grund für das Scheitern des Holocaust-Unterrichts zu begreifen.

Das Zentrum für Holocaust-Unterricht an der UCL hat kürzlich die diesbezüglich weltweit bisher umfangreichste Studie ihrer Art durchgeführt und über 8.000 Schüler zwischen 11 und 13 Jahren in England hierzu befragt. Andy Pearce, der als Wissenschaftler für das Zentrum arbeitet, hat Tablet gegenüber erklärt, daß 25-30 Jahre des Holocaust-Unterrichts anscheinend "seine Wirkung verfehlt".

Pearce berichtet, daß die häufigste Antwort der Schüler auf die Frage  nach den Verantwortlichen des Holocaust "Hitler" war. Die ist vermutlich eine ´falsche Antwort´. Pearce fährt fort: "Unglaublicherweise erzählten uns die Schüler auf die Frage, wer die Nazis waren, "Hilters Lakaien" und "Hitlers Fallschirmspringer". Pearce war mit beiden Antworten unzufrieden. "Es gab keinen Bezug zur Nazi-Partei als politische Bewegung. Auch erzählten die Schüler den Wissenschaftlern, daß die meisten Juden in Deutschland ermordet worden sind. Sie hatten keine Vorstellung von kollaborierenden Regimes und viele glaubten, daß die Massenvernichtung im Jahr 1933 begonnen habe."

Pearce hat unbeabsichtigt einige wesentlichen Einblicke in das systematische Scheitern des ´Holocaust-Unterrichts´ gegeben. Während Heidegger uns gelehrt hat, daß Unterrichten bedeutet andere zu lehren wie man lernt, ist Indoktrination etwas völlig anderes. Sie lehrt die richtigen Antworten zu geben. Der Holocaust fällt, so wie er gelehrt und gepredigt wird, in die Kategorie Indoktrination. Er ist kein Lerninhalt der Diskussionen oder Korrekturen zuläßt. Der Holocaust bringt als Thema niemanden in Verlegenheit oder Verwirrung. Er wird wie ein religiöser Text mit klaren Strukturen behandelt, die keinerlei Abweichungen zulassen.

Wenn Geschichte von Bedeutung sein soll muß sie einen dynamischen Diskurs mit aktuellen, historischen und kontextbezogenen Assoziationen enthalten. Wenn der Holocaust ein lebendiges Thema sein soll, daß junge Geister involviert und erleuchtet, muß er in einen Kontext gebracht werden, in dem beispielsweise Auschwitz mit Gaza verglichen wird. Die Nürnberger Gesetze müssen mit dem israelischen Nationalstaatsgesetz und dem israelischen Rückkehrrecht verglichen werden. Um die Aufmerksamkeit unserer Kinder für den Holocaust zu gewinnen, muß man versuchen die schwierigsten Fragen zu stellen: Wie und warum wurde der gerade neu gegründeten israelische Staat, nur drei Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, ethnisch von der großen Mehrheit der indigenen Palästinenser gesäubert? Um für den Holocaust ein universelles Interesse zu wecken, muß er eine universelle Botschaft tragen!

Anscheinend bedarf der ´Holocaust Unterricht´ in Britannien und im Westen generell der Überlebenden des Holocausts. Ellie Olmer ist eine der Lehrerinnen für Öffentlichkeitsarbeit des Holocaust Education Trusts. Sie sagte dem Tablet: "Ich liebe meine Arbeit und hoffe sie noch viele Jahre lang tun zu können, aber es hängt alles davon ab, was geschieht, nachdem wir unsere Überlebenden verloren haben." Trotz des wissenschaftlichen Fortschritts bei der Entwicklung lebensverlängernder Technologien in Israel, scheint es als ob die Überlebenden nicht ewig leben. Außerdem beklagen viele der Überlebenden, daß ihre Fähigkeit das junge Publikum zu erreichen abnimmt. Allerdings ist ihr Denkansatz, daß die Auseinandersetzung mit einem Kapitel der geschichtlichen Vergangenheit nur durch persönliche Erfahrung von Menschen gelingen kann, die dieses Kapitel durchlebt haben zeigt, daß der Holocaust von dieses so genannten ´Pädagogen´ als eine historische Schilderung betrachtet wird.

Historiker betrachten die Napoleonischen Kriege ohne auf  ´Treffen´mit Überlebenden jener Kriege angewiesen zu sein. Wir glauben, daß wir über das Römische Imperium lernen können, ohne zu erwarten, daß ausgediente römische Generäle unsere Klassen besuchen. Weshalb benötigt der Holocaust dann Überlebende? Warum kann der Holocaust nicht als normales geschichtliches Kapitel durch Textanalyse und Dokumente und das Aufeinandertreffen gegensätzlicher Meinungen gelehrt werden? Weil der Holocaust-Unterricht von politischen Interessen und Gesetzen gelenkt wird, die fordern, daß diese Form des Unterrichts Mitteln der emotionalen Manipulation stattfindet. Er existiert, tatsächlich, im Interesse Israels und jüdischer Politik – der Holocaust ist die Daseinsberechtigung für den jüdischen Staat. Aber der Holocaust wird auch zur Steuerung globaler politischer Trends, wie dem (un)moralischen Interventionismus, der Einwanderungsfreundlichkeit, des Antirassismus, Liberalismus und so weiter, genutzt.

Der Umgang bei der Verwendung des Holocausts für politische Zwecke legt nahe, daß britische Jugendliche tatsächlich anspruchsvoller sind, als die durchschnittlichen Geister, die versuchen diese zur Unterwürfigkeit zu indoktrinieren. Sie spüren, daß irgend etwas mit diesem Holocaust-Unterricht, so zu sagen, nicht ´in Ordnung´ ist. Er wird nicht als offener Diskurs gelehrt und ist irgendwie anders als andere Kapitel aus der Geschichte. Es ist keine wirklich offene Diskussion.

Es hätte erwartet werden können, daß Corbyn und die Labour Party sich dieses Vorwurfs annehmen. "Die derzeitige Debatte über den Antisemitismus bei der opponierenden britischen Labour Party und der Ansichten ihres Anührers, Jeremy Corbyn, haben ebenfalls einen negativen Einfluß auf den Holocaust-Unterricht um Klassenzimmer und machen eine bessere Lehrerausbildung um so mehr zur Notwendigkeit." Anscheinend leben britische Jugendliche nicht in einer Blase. "Schüler fragen mittlerweile nach Holocaustleugnung und Antisemitismus. Vor zwei oder drei Jahren habe ich noch keine Schüler gehabt, die diese Begriffe kannten", sagte ein Lehrer.

Das UCL-Team hat auch ermittelt, was die Lehrer mit dem Holocaust-Unterricht hoffen zu erreichen. "Es existiert ein Glaube, nach dem erworbenes Wissen über den Holocaust verhindert, daß er sich wiederholt." Die Wahrheit ist, daß derzeit mehr als ein Holocaust stattfinden: Palästina, Libyen, Syrien, um nur einige wenige zu nennen. Der Holocaust wird zu einem bedeutsamen Unterricht, wenn er sich schließlich vom Primat des jüdischen Leids emanzipiert, und wir zu Empathie und Mitgefühl als grundlegende Prinzipien für unsere Kultur zurückkehren. Unglücklicherweise sehe ich nicht, daß der Holocaust Education Trust uns in eine solche Richtung führt.

Erstaunlich genug ist, daß Mike Levy, ein in Camebridge lebender Holocaust-Erzieher, gegenüber dem jüdischen Blatt einräumte, daß "eine beim Thema Holocaust eine gewisse Müdigkeit in der Luft liegt und sowohl Schüler als auch Lehrer mehr über andere Genozide erfahren und den Holocaust kontextualisieren wollen." Ich stimme Mr. Levy zu. Setzten wir unsere Kinder den Geschehnissen in Aleppo, Tripoli und Gaza aus und zeigen ihnen die Verbrechen, die von unseren eigenen, gewählten Regierungen begangen werden. Laßt sie selbst herausfinden, wer die derzeitigen Nazis sind. Ich glaube, daß dies der erste Schritt zur Verhinderung des nächsten Holocausts wäre.

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Gilad Atzmon ist ein in Israel geborener britischer Jazz-Saxophonist, Romancier, politischer Aktivist und Schriftsteller.

Atzmons Album, Exile, wurde im Jahr 2003 von der BBC zum Jazz-Album des Jahres gekürt.  Mit jährlich über 100 Auftritten ist er als der "sicherlich am häufigsten auftretende Mann des britischen Jazz" bezeichnet worden. In seinen bisher neun aufgenommenen Alben erkundet er die Musik des Mittleren Ostens und politische Themen.  Er hat sich selbst als "hingebungsvollen politischen Künstler" bezeichnet. Er unterstützt das Rückkehrrecht der Palästinenser und die Einstaatenlösung in dem israelisch-palästinensischen Konflikt.

Seine Kritik am Zionismus, der jüdischen Identität und dem Judaismus haben ebenso wie seine kontroversen Ansichten über den Holocaust und die jüdische Geschichte, zu Vorwürfen des Antisemitismus geführt. Ein Profil des Guardian aus dem Jahr 2009, das ihn als "einen der besten Saxophonisten Londons" bezeichnet wird wird erklärt: "Es ist vielmehr Atzmons ungeschminkter Antisemitismus als seine Musik, der ihm, besonders in der arabischen Welt, wo seine Essays weit verbreitet sind, ein internationales Profil gegeben hat.


Quelle: https://www.gilad.co.uk/writings/2018/10/17/why-holocaust-education-is-failing

zuletzt editiert: 25. Oktober 2018, 17:00 Uhr

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